Same procedure…

 

Bis kurz vor Schluss war das Spiel offen, dann fiel der Siegtreffer für Hamburg. Und die Vorlage auf Lasogga stammte ausgerechnet von Schippo, der bis vor kurzem Publikumsliebling in Sinsheim war. Halbrechts ging er vorgebeugt bis auf die Grundlinie, hob genauso wie früher im blauen Trikot noch den Kopf – und spielte den finalen Querpass.

Soweit also alles wie gehabt, diese späten Gegentreffer sind Hoffenheims Verderben, könnte man meinen. Davor jedoch gab es 85 Minuten Kampf und Krampf, die wenig Gutes verhießen, leider ebenfalls wie gehabt. Und hätte der HSV nicht fast ebenso schwach gespielt (und Baumann grandios gehalten), wäre die Niederlage wohl viel höher ausgefallen.

normal_ug026_3051_231015Es war der Mannschaft anzusehen, dass sie viel mit sich herumtrug, wie Markus Gisdol nach dem Spiel auf der Pressekonferenz sagte. Damit meinte er vor allem die zurückliegende Woche, in der Dietmar Hopp drei Spieler (bzw. den Mannschaftsrat) ohne das Wissen des Trainers zu sich und um ihre Einschätzung der sportlichen Lage gebeten hatte, plus die mediale Bekanntmachung des diskret angesetzten Treffens. Solche Treffen gehören in sportlichen Krisen allerdings zur Normalität und sind, anders als das Durchstecken diskreter Dinge an die Presse, ebenso gelassen wie grundpositiv zu sehen.

Man muss, um die aktuelle sportliche Verkrampfung zu verstehen, also auch an die vorvergangenen Wochen und Monate denken, die mindestens so sehr auf den Schultern der Spieler lasten – denn seit dem 10. Spieltag der vergangenen Saison, mithin ein ganzes sportliches Jahr, läuft fußballerisch ja immer weniger zusammen bei der TSG. Das ist viel Zeit, ausreichend Zeit, um das Selbstverständnis und das Selbstbewusstsein jedes Einzelnen und einer Mannschaft insgesamt auszuzehren.

normal_ug074_3411_231015Für den HSV stellten sich die letzten Monaten nicht viel anders dar – wie es einem eben so ergeht in schwierigen Lagen – und deshalb war die Partie am Freitagabend unter Flutlicht eine der schwächsten sportlichen Darbietungen, die man in der obersten deutschen Spielklasse zu sehen bekommt. Wie gesagt dominierten Kampf und Krampf die Partie, so dass es kaum zu einzelnen Szenen kam, die es verdienen würden, herausgehoben zu werden.

Sucht man trotzdem nach signifikanten Momenten, stechen zwei Szenen besonders hervor. Da war zum einen Vollands Wegrutscher, nachdem er auf den Ball getreten war, statt ihn mitzunehmen. Und da war Toljans Ausrutscher, der dem Tor des HSV unmittelbar vorausging, nachdem er Sekunden zuvor noch den Führungstreffer der TSG auf dem Fuß gehabt hatte. So sehen Krisen aus.

normal_ug102_3646_231015Ein weiteres Momentum gibt ebenfalls zu denken. Nachdem Bicakcic zweimal gelb und infolgedessen einmal rot gesehen hatte, spielte Hoffenheim, in Unterzahl, besseren Fußball als zuvor, offenbar weil das taktische Konzept aufgegeben werden musste, weil ein Ruck durch die Mannschaft ging, weil sie entfesselt auftrat. Besonders letzteres vermisst man seit geraumer Zeit.

normal_ug076_3436_231015Es gab kaum jemanden, der nicht mit der anschließenden Freistellung von Markus Gisdol rechnete, dessen Fortune der ersten eineinhalb Jahre aufgebraucht scheint, ohne dass es (einstweilen, muss man sagen) dazu kam. Stattdessen ist Peter Rettig von seinen Aufgaben als leitender Geschäftsführer entbunden worden. In Fankreisen fragt man sich, was das eine mit dem andern zu tun haben könnte oder auch nicht.

Die Frage ist schwer zu beantworten, ohne die internen Vorgänge zu kennen. Klar ist nur so viel, dass bei tieferen sportlichen Krisen wie dieser es in Bundesliga-Vereinen gerne auch zur Neuausrichtung der organisatorischen Dinge kommt. Es wird aber sicher viel Zeit brauchen, bis sich erweist, ob die Neuaufstellung in der Geschäftsführung tatsächlich die erhofften Früchte trägt. Neben den formalen Gesichtspunkten spielen hier ja auch menschliche Faktoren eine nicht zu unterschätzende, schwer zu kalkulierende Rolle.

Schnelleren Eintrag darf man sich gewöhnlich von Trainerwechseln erwarten. Die Liste der Beispiele ist lang, bei denen ein neuer Trainer eine darniederliegende Mannschaft aufrichten und zu neuen Erfolgen führen konnte – Markus Gisdol ist selbst das beste Beispiel dafür, als er uns 2013 vor dem fast sicheren Abstieg rettete. Bevor man sich jedoch in Spekulationen ergeht bzw. in die kursierenden Gerüchte einsteigt, sollte man sich lieber in Geduld fassen.

Diejenigen, die darüber zu befinden haben, wer vielleicht geht oder kommt, sind auch nicht darum zu beneiden, solche Entscheidungen treffen zu müssen, bei denen es sportlich und menschlich derart eng zugeht und falsche Entscheidungen extreme Wirkung haben können. Konzentrieren wir uns stattdessen auf die kommende Partie in Köln und darauf, den Zusammenhalt der TSG auch in schweren Zeiten zu wahren.

Fotos: Uwe Grün, Kraichgaufoto

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