Was ist los mit Hoffenheim?

Es will und will nicht werden. Seltsame Schwächen, in der Summe viel zu viele, bestimmen die Auftritte der TSG. Den Gegnern fällt es meistens leicht, Vorteil daraus zu ziehen. Auch Wolfsburg hatte am Samstag unterm Strich wenig Mühe. Der Lohn dafür: Platz 17.

Der einzige Sieg bisher gelang gegen Augsburg, den aktuellen Tabellenletzten. Und am Freitag kommt der HSV. Ein Schicksalsspiel, hört man es raunen. Aber ist das wirklich so? Klar, ein Sieg gegen die Hanseaten könnte Mut machen. Nur wären damit die multiplen Schwächen der TSG wohl nicht aus der Welt geschafft.

Denn das Problem in dieser Saison scheint zu sein, dass die Schwäche-Momente sich abwechseln, überlagern, kreuzen und gegenseitig verstärken. Natürlich ist das immer so, wenn ein Verein eine Problem-Saison spielt. Nur das die TSG weitestgehend frei ist von Verletzungssorgen, die bspw. den BVB letzte Saison plagten, als es in der Hinrunde ähnlich schlecht lief wie jetzt für Hoffenheim.

Offenbar sind es eher spielerische Aspekte, die allen Verantwortlichen, Fans und Spielern die Saison zu verderben drohen. In Wolfsburg waren einige davon wie unter der Lupe zu besichtigen. Zu Beginn der Partie lief wenig zusammen, weil Wolfsburg nach der frühen Führung Hoffenheim das Spiel machen ließ und Hoffenheim offenbar aufs Gegenteil eingestellt war, dass also Wolfsburg vor eigenem Publikum das Spiel machen würde. Das unter der Woche und auch sonst vornehmlich trainierte Pressing fiel also ins Wasser, und es brauchte 25 Minuten und ein weiteres Gegentor, bis die TSG sich in diese Konstellation, die anders war als erwartet, eingefunden hatte.

Ob die Auswechslung von Kaderabek wirklich dafür ausschlaggebend war, wie allgemein gesagt wird, scheint nicht sicher. Der Tscheche litt wie jeder andere seiner Mitspieler unter dem Zusammenbruch der mannschaftlichen Gesamtkonstruktion, musste jedoch an vorderster Front die Folgen davon ausbaden. Ebenso gut hätte man Strobl oder Rudy auswechseln können, aber es gab halt keinen Sechser mehr auf der Bank.

VfL Wolfsburg - TSG 1899 HoffenheimAls sich die TSG nach Toljans Tor, seinem ersten Bundesliga-Treffer, endlich zurück ins Spiel gebracht hatte, lief es ganz gut, so schien es. Aber warum lief es gut oder schien es gut zu laufen? Weil vorher Wolfsburg die anfängliche Zurückhaltung aufgegeben und aufs 3:0 gedrängt hatte, das auch leicht hätte fallen können, und auch nach dem Gegentreffer nicht davon abließ, nach vorn zu marschieren. Damit ging jetzt das Pressing-Konzept der TSG wieder auf, im Mittelfeld boten sich zudem große Räume – und Wolfsburg, das auch nicht gerade vor Selbstsicherheit strotzte, geriet ins Wanken.

Viele Chancen, Tore zu erzielen, kamen in dieser TSG-Drangphase trotzdem nicht zustande, wahrlich nicht zum ersten Mal. Für die Identität der Mannschaft ist die anhaltende Offensivschwäche allerdings Gift, denn Hoffenheims Herz schlägt nunmal bedingungslos offensiv. Ohne Feuerwerk im Angriff findet die TSG einfach nicht zu sich selbst. Dies ist ein weiteres, ein erhebliches Problem, das unserer eigentlich erstklassigen Offensive, in der Folge aber auch der Defensive schwer zu schaffen macht.

Als bald nach der Pause Schmid den Ausgleich erzielte, sah es für ein paar Minuten so aus, als hätte die TSG die Partie überraschend doch noch im Griff. Die Wölfe liefen mit eingekniffener Rute über den Rasen, Hoffenheim gefiel sich selbst und war viel in Ballbesitz. Aber nur so lang, bis Wolfsburg sich entschied, etwas gegen die drohende Niederlage zu unternehmen. Fast im selben Moment brach der schöne TSG-Ballbesitz-Fußball in sich zusammen und herrschte große Verwirrung. Und nur acht Minuten nach Schmids Treffer lag Wolfsburg wieder vorn und machte sieben Minuten vor Schluss den Sieg wasserdicht.

VfL Wolfsburg - TSG 1899 HoffenheimDie Aussage von Eugen Polanski nach dem Abpfiff, viele Spieler würden nicht das machen, was im Training geübt wird, könnte den Kern der Probleme treffen – aber anders, als er es gemeint hat. Nicht die Abweichung der Spieler vom Trainingsplan wäre also das Problem, sondern die Abweichung der Spiele davon. Denn genauso wirkt Hoffenheim in dieser Saison: planlos, wenn die trainierten Ideen am Gegner scheitern, wenn sie auch nur situativ vom Gegner entschärft werden.

Die Konfusion, die in vielen solcher Szenen zu besichtigen ist und gern der Unerfahrenheit von Spielern wie Kaderabek zugeschrieben wird, wäre dann gar nicht der Grund für die magere Punkteausbeute. Vielmehr wären die konfusen Momente in zu vielen Spielen die Folge einer gesamtstrukturellen Desorientierung, die immer dann eintritt, wenn der Gegner sich nicht auf die Pläne der TSG einlässt. Man könnte Polanskis Aussage also auch umgekehrt zuspitzen und sagen, dass die Spieler genau in solchen Augenblicken alle zusammen vom Trainingsplan abweichen sollten.

Inzwischen scheint die Lage aber so weit verfahren, dass die spielentscheidenden Konfusionen schon viel früher einsetzen und ein Schwächemoment den nächsten fast per Automatismus hervorbringt. Und das ist kein Wunder. Ist das Selbstbewusstsein erstmal angegriffen, übernehmen die Selbstzweifel die Kontrolle: offensiv, defensiv, im Mittelfeld. Ohne Erfolgsmomente ist eben wenig zu machen. Hoffen wir, dass sie gegen Hamburg und danach in Köln zurückkehren. Ein Sieg allein wird nicht reichen, die gewachsenen strukturellen Schwächen zurückzudrängen.

Fotos: dpa

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Alexander H. Gusovius