Kannste nix sagen!

Nichts zu sagen, geht an dieser Stelle natürlich nicht – und wäre auch schade: Gegen den BVB hat Hoffenheim wieder, wie schon gegen die Bayern, ein kerngutes Spiel abgeliefert, voller sportlicher und emotionaler Höhepunkte, die den Besuch im Stadion gelohnt haben. Topzuschlag hin oder her…

Ein Gutes hatte der ominöse Topzuschlag übrigens mindestens doch: Offenbar waren genau diejenigen Dortmund-Fans zuhause geblieben, die sonst die Krawallspitze des schwarzgelben Anhangs bilden. Auf ihre Banner und die üblichen stimmlichen Darbietungen konnte man gestern gut verzichten. Zum ersten Mal kam es auch nicht zu den üblichen Schmähungen gegen Dietmar Hopp.

Der Stimmung im Stadion hat das keinen Abbruch getan, im Gegenteil. Anders als in der Formel 1, wo die Drosselung des Motorenlärms die pfeilschnellen Boliden zu harmlosen Bienchen degradiert hat, wurden die Dortmunder Fans durch das Ausbleiben ihrer martialischsten Gesänge zu genau den sympathischen Fans, die sie eigentlich und in der Mehrzahl wirklich sind. Vielleicht sollte man noch einmal darüber nachdenken, ob man dieses friedlichere Gesicht des Fußballs nicht doch mehr mag.

normal_ug006_6243_230915Zum Spiel: Dortmund stand schon beim Einlaufen und in der gesamten ersten Halbzeit sichtbar unter dem Einfluss einer enormen Selbstverliebtheit. Das ist auch kein Wunder nach der traumatisierenden letzten Saison, die so gar nicht nach dem Selbstverständnis der Dortmunder war, und nach dem Wiedererstarken unter Trainer Tuchel. Die Folge: Dortmund wollte von Beginn an vor allem Glanz verbreiten und sich darin sonnen.

Darum gerieten viele Pässe in die Spitze zu ehrgeizig, blieb der BVB vergleichsweise harmlos und spielte unterm Strich eher umständlich. Die erschütternde Schnelligkeit eines Aubameyang konnte so nicht durchschlagen, Reus hatte nach seiner Verletzungspause noch Probleme, den Anschluss zu finden. Hoffenheim dagegen spielte wie aus einem Guss, zunächst vor allem defensiv. Nach ein paar wilden, offensiven Anfangsminuten war die TSG fast nur noch verteidigend unterwegs und machte ihre Sache gut.

normal_ug046_6504_230915Und je länger die westfälischen, offensiven Miss-Wahlen andauerten, umso öfter befreite sich die TSG mit Kontern aus der Dortmunder Umarmung – bis kurz vor der Halbzeit Vargas und Rudy durchbrachen und (vor Jogi Löws Augen) der weiteren zukünftigen Nominierung von Rudy in die Nationalmannschaft zusätzliche Argumente lieferten, indem Rudy nach Zuspiel von Vargas aus spitzem Winkel elegant zum 1:0 einschoss.

Es war klar, dass Thomas Tuchel bald für Veränderung sorgen würde. Und so kam in der 46. Minute Mkhitaryan für Hofmann und in der 54. Gündogan für Reus, was die Dortmunder Angriffe deutlich belebte, konkreter machte und rasch zum Ausgleich führte. Wer nun befürchtete, dass die TSG von der Dortmunder Angriffsmaschine überrollt würde, sah sich angenehm enttäuscht: Hoffenheim steckte kein bisschen zurück, sondern konterte weiter, was das Zeug hielt, und nervte die BVB-Offensive durch kollektives Verteidigen, teilweise per Sechserkette mithilfe der nach hinten eilenden Rudy und Schmid. Auf der linken Seite machte Toljan, der für Kim aufgelaufen war, seine Sache sehr gut, nicht anders als Bicakcic, der diesmal vor Schär den Vorzug erhalten hatte.

normal_ug086_6797_230915Zwei, drei Aufreger würzten die unglaublich spannende Partie, die bis zum Ende zurecht keinen Sieger fand. Da war zuerst der Pfostentreffer von Vargas, der das 2:0 bedeutet hätte. Dann war wieder Vargas nach steilem Zuspiel auf und davon und wurde fälschlich zurückgepfiffen, wegen einer Abseitsstellung, die eben keine war. Trainer Gisdol regte sich darüber mächtig auf, fasste kurz auch den Liri deswegen an – und wurde sofort auf die Tribüne geschickt, worüber er sich gleich und später noch mal mehr aufregte, zurecht. Der letzte Aufreger war ein Handspiel im Strafraum durch Toljan, das nicht per Strafstoß geahndet wurde, als gerechter Ausgleich zum falschen Abseits.

normal_ug015_6294_230915Es war jede Menge los gestern Abend in der Rhein-Neckar-Arena, nur eben kein unqualifiziertes Fan-Gedumpfe. So macht Fußball richtig Spaß, so macht unsere Mannschaft Spaß, die sich damit ein gutes Stück weit gefunden haben müsste. Dass bislang nur zwei Punkte auf der Habenseite stehen, was im Moment nur für Platz 17 auf der Tabelle reicht, könnte schon in den nächsten beiden Spielen korrigiert werden. Dann würde die Saison noch mehr Spaß machen!

Fotos: Uwe Grün, Kraichgaufoto

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