Ruhe im Auge des Sturms

Die Fan-Seele kocht, in den digitalen Foren bricht der Unmut sich massiv Bahn, nicht selten werden auch personelle Konsequenzen gefordert. Es ist das Privileg der Fans, in angespannten Lagen wie dieser, nach der schon vierten Niederlage der noch jungen Saison, ihren Herzen Luft zu machen. Alle, die für die TSG verantwortlich sind, also Spieler, Trainer und Funktionäre, müssen dagegen Haltung bewahren und genau abwägen, was sie sagen, sogar was sie denken.
Dass der Trend nach unten geht, wissen sie natürlich auch. Dass es so nicht mehr lang weitergehen darf, ebenfalls. Aber was tun? Wäre der Fußball so einfach, wie seine Verächter ihn finden, wäre schnell für Abhilfe gesorgt. Das Problem ist nur, dass es im Fußball keine einfachen Lösungen gibt. Allein das Zusammenstellen einer Mannschaft hat Ähnlichkeit mit der Alchimie, sie zu motivieren, ist eine Gleichung mit elf Unbekannten, sportliche Leistungskurven sind so rätselhaft wie die Sprüche des Orakels von Delphi.

Fußball Bundesliga 5. Spieltag: 1. FSV Mainz 05 - TSG 1899 Hoffenheim am 18.09.2015 in der Coface Arena in Mainz (Rheinland-Pfalz). Der Mainzer Niko Bungert (l) jubelt nach dem Abpfiff während der Hoffenheimer Eugen Polanski (M) sich an den Kopf fasst. Mainz gewann die Partie mit 3:1. Foto: Fredrik von Erichsen/dpa (Wichtiger Hinweis: Aufgrund der Akkreditierungsbestimmungen der DFL ist die Publikation und Weiterverwertung im Internet und in Online-Medien während des Spiels auf insgesamt fünfzehn Bilder pro Spiel begrenzt.)

Eine der wichtigsten Voraussetzungen jedoch, um eine Mannschaft auf Siegerkurs zu bringen, ist: Ruhe. Auch und gerade in unruhigen Zeiten. Die Verantwortlichen sind nicht zu beneiden, mitten in unruhigen Zeiten ausgerechnet für Ruhe sorgen zu müssen. Doch sie tun es, weil es eben Teil ihrer Verantwortung ist. Darüber, dass die Hoffenheimer Verantwortlichen jetzt alles versuchen, um die hochgehenden Wogen zu glätten, sollte man sich also weder wundern noch es kritisieren.
Man muss allerdings auch nicht alles wörtlich nehmen, was in die Kameras und Mikrophone gesagt wird. So wenig wie das, was die Fans in den Foren kundtun. Es ist alles dem sorgenvollen Moment geschuldet, der Erregung oder der Verantwortlichkeit. Ein Sieg über Dortmund und danach ein Sieg in Augsburg, am besten gleich einer über Stuttgart dazu – schon wäre alles vergessen und vergeben. Wohltuende Ruhe würde sich über die erhitzten Gemüter legen.
Denn in Mainz hat unserer Mannschaft genau das noch gefehlt: Ruhe und Souveränität. Selbst das Führungstor durch Schmid hatte keine entsprechende Wirkung. Aber Mainz wirkte von Beginn an auch lebhafter, spielte zielgerichteter, wusste, was es wollte. Hoffenheim stand tief, Mainz griff hoch an. Mainz nutzte die gesamte Breite des Raums, vor allem auch offensiv, in höchstem Tempo. Die TSG ging, wie schon so oft, fest ausschließlich durch die zugestellte Mitte. Dadurch fiel das Kombinieren schwer, landeten die Zuspiele verzweifelnd oft beim Gegner.

Fussball 1. Bundesliga/ 1.FSV Mainz 05-TSG 1899 Hoffenheim 3-1Da war es egal, dass diesmal kein Kuranyi, kein Uth als zentraler Stürmer agierte, sondern der vergleichsweise kleingewachsene, bewegliche Vargas. Wenn die Mitte dicht ist, kriegt eben kein Stürmer der Welt Verwertbares auf Kopf oder Fuß geliefert – außer er heißt Messi und hat Iniesta neben sich. Und es war auch egal, dass Rudy diesmal die Fäden zog und das Spiel ankurbeln sollte. Es gab Momente, an denen man seine Spielübersicht aufblitzen sehen konnte, aber das Hoffenheimer Spiel war insgesamt zu unübersichtlich, um daraus Kapital zu schlagen. Auch schon in der ersten Halbzeit, als die Partie noch unentschieden schien. In der zweiten Halbzeit brach unsere Mannschaft regelrecht ein, nachdem Mainz relativ unbedrängt in Führung gegangen war.
Mit dem Effekt, dass die Stimmung im Kraichgau von „besorgt“ auf „wirklich sehr besorgt“ gestiegen ist. Aber man sollte sich davon, so gut es geht, nicht anstecken lassen. Sondern lieber konzentriert bleiben und schauen, wie es um die Konzentration der Spieler, um die Konzentration des Spiels bestellt ist, wenn es Mittwochabend gegen Dortmund geht und am Samstag in Augsburg gespielt wird. Die Mannschaft wird jedenfalls alles versuchen, den Trend umzukehren. Die Verantwortlichen werden alles versuchen, Ruhe zu erzeugen und zu bewahren. Der bisherige Verlauf der Saison gefällt schließlich keinem.

Fotos: dpa

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