Das hätte nicht geschehen dürfen

So oder so ähnlich lauteten viele Kommentare nach der 1:3-Niederlage gegen Bremen, besonders wegen der zwei Tore in der Nachspielzeit. Auch Trainer Gisdol beklagte, wie schon gegen die Bayern auf den letzten Metern um den gerechten Lohn betrogen worden zu sein.
Aber gibt das die Realität wirklich wieder? Sicher, Hoffenheim hatte in der zweiten Halbzeit mehr vom Spiel und war einige Minuten nach dem Ausgleich durch Vargas kurz nach dem Wiederanpfiff drauf und dran, in Führung zu gehen: Vargas und Schmid, für Zuber und Kuranyi eingewechselt, hatten zunächst frischen Wind in den Hoffenheimer Angriff gebracht. Aber dieser Offensivdruck überstand letztlich keine 20 Minuten, dann erinnerten die Angriffsbemühungen doch wieder stark an die erste Halbzeit, in der viel durch die Mitte, aber wenig nach vorn ging.

normal_ug117_0519_130915Wo ist sie geblieben, die einstige Torgefährlichkeit der TSG? Wer glaubt, sie sei mit dem Weggang von Firmino erstorben, sollte sich die Rückrunde der letzten Saison in Erinnerung rufen. Da wurden Torchancen auch mit Firmino Mangelware. Eher könnte also das Spielsystem dafür verantwortlich zu machen sein, das auf schnelles Umschaltspiel setzt und dann den Weg durch die Mitte sucht, wo der Weg zum Tor am kürzesten ist.
Das Problem mit diesem Spielsystem ist nur, dass man für schnelles Umschaltspiel nicht dauernd im Ballbesitz sein darf – Bremen hatte Hoffenheim allerdings wesentlich die Spielanteile überlassen und sich mehrheitlich aufs Verteidigen verlegt. In solchen Fällen ist einer Umschalt-Mannschaft naturgemäß der Boden fürs Umschalten entzogen, und der Gegner kann sich leicht auf Angriffe einstellen, vor allem, wenn sie immer noch durch die Mitte gehen – wo bei geordneter Defensive große Enge herrscht und der Weg zum Tor zwar immer noch kurz, aber eben zugestellt ist.

normal_ug131_3470_130915Doch auch sonst ist das so eine Sache mit dem Umschaltspiel, das seinen magischen Höhepunkt anscheinend längst überschritten hat. Von Ralf Rangnick per TSG-Herbstmeisterschaft 2008 überzeugend zum ersten Mal in der Liga vorgetragen, hat Jürgen Klopp diese fußballerische Überfallmethode in Dortmund perfektioniert, während sie von Trainern wie Slomka und anderen fleißig kopiert und variiert wurde. Mit dem Ergebnis, dass sie inzwischen derart bekannt ist, dass sich die Gegner darauf einstellen und sie mit ein paar simplen Handgriffen entschärfen können.
Und so geschieht es, dass nicht nur Markus Gisdol zunehmend Probleme bei der Umsetzung seiner Fußballmethode bekommt, sondern auch sein Lehrmeister Rangnick in Leipzig, und dass Zorniger in Stuttgart kein Erfolg beschert ist – wie auch Klopp in Dortmund zuletzt damit scheiterte und sogar der zuletzt in Gladbach so erfolgreiche Lucien Favre ins Wackeln gerät. In Spielen wie gegen Bremen braucht es, anders gesagt, einfach einen Plan B, der das Spiel über die Flanken sucht, wozu dann großgewachsene, kopfballstarke Stürmer wie Kuranyi in der Mitte perfekt passen würden.

normal_ug205_4000_130915Tatsache ist jedoch, dass diese Niederlage – egal ob kurz vor Schluss oder früher besiegelt – egalwie nicht hätte geschehen dürfen. Denn Hoffenheim gerät jetzt vor der englischen Woche enorm unter Druck und könnte nach den kommenden drei Spielen vor einem veritablen Scherbenhaufen stehen, der die gesamte Saison in Mitleidenschaft ziehen würde. Noch ist es zwar zu früh, die Saison in fahles Licht zu tauchen, aber die Luft wird dünner.

Fotos: Uwe Grün, Kraichgaufoto

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Alexander H. Gusovius

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