Die Rückkehr des Jannik Vestergaard

Es ist noch nicht lang her, dass wir ihn als Abwehrrecken haben spielen sehen, am 4. Februar abends, im Trikot von Werder Bremen. Kaum länger her ist sein Abschied, nachdem Markus Gisdol Jannik Vestergaard in der Innenverteidigung mehr oder weniger ausgemustert hatte und in ihm eher einen zukünftigen Sechser sah. Davon gab es bei der TSG jedoch im Übermaß, und alle rangierten vor Vestergaard, der sich sowieso und weiterhin lieber als Innenverteidiger sah – und damit letztendlich zwischen allen Stühlen saß, und das auch noch buchstäblich, nämlich auf der Tribüne.

Damit war er aber nicht zufrieden, natürlich nicht. Also schaute er sich um, genau wie Bremen, wo man dringend Verstärkung in der desolaten Abwehr benötigte. Und schon war der Deal perfekt, in der Winterpause wechselte Vestergaard an die Weser, für vergleichsweise bescheidenes Geld. Bei Werder ist er seither gesetzt, außerdem viel näher an der dänischen Heimat und weckt bei einigen englischen Klubs Begehrlichkeiten: 12 Mio. sind offenbar jetzt im Sommer für ihn geboten worden, doch Werder lehnte ab. Einen wie ihn wollen sie an der Weser halten.

normal_ug021_2410_171211Bei uns gehörte Vestergaard immer zu den Fan-Lieblingen, da verzieh man ihm auch die ein, zwei kleineren oder gröberen Schnitzer pro Spiel, wenn er den Ball mal wieder etwas unkontrolliert aus der Gefahrenzone dreschen wollte, genau in die Reihen der Angreifer, und stattdessen neue Gefahr heraufbeschwor. Auch in Bremen hat er diese gelegentlichen Aussetzer nicht verloren, aber die Fans lieben ihn dort ganz genauso wie hier – kein Wunder, denn wenn dieser Wikinger-Hüne, der so aussieht, als könne er keiner Fliege etwas zuleide tun, turmhoch zum Kopfball aufsteigt, wild grätscht oder mit wehendem Haarschopf und Riesenschritten nach vorn geht, dann weckt er in den Herzen der Fans genau jene Begeisterung, wegen der man eigentlich zum Fußball geht.

normal_ug008_7784_141213Also: schade, schade, schade, dass Vestergaard keiner mehr von uns ist. Und schön, sehr schön, ihn am Wochenende wiederzusehen. Und gut zu wissen, dass er seinen Weg gemacht hat, wie Abraham in Frankfurt, Schippo in Hamburg und Modeste in Köln. Die Fans werden ihn sicher nicht auspfeifen, wie das bei „Abtrünnigen“ gern mal geschieht, sondern herzlich begrüßen. Umgekehrt wäre es nett, wenn Vestergaard, falls er uns schon nicht mit einem seiner Aussetzer beschenken möchte, wenigstens darauf verzichtet, ein Tor zu köpfen, was er bei Eckbällen auch in Bremen nicht verlernt und gerade erst wieder unter Beweis gestellt hat.

normal_ug007_3021_281110Denn die Partie gegen Bremen wird auch so brenzlig genug. Nach einem Pünktchen aus den ersten drei Liga-Spielen muss die TSG jetzt gewinnen. Oder wenigstens einen weiteren Punkt holen. Auf gar keinen Fall darf sie verlieren, um keine vollendete Bauchlandung beim Start in die neue Saison hinzulegen – und steht deshalb gehörig unter Druck. Bremen dagegen hat schon vier Punkte geholt und würde gern, muss aber nicht siegen. Und es wird auch ohne das alles schwer genug. Die Leidenschaft und Spielintelligenz, mit der Werder am vorletzten Sonntag Gladbach besiegt hat, stellt eine große Hürde dar, die unsere offensiv noch nicht eingespielte Mannschaft erstmal überwinden muss.

Anders gesagt muss der TSG-Knoten am Sonntag platzen. Bremen ist genau die Herausforderung, die man braucht, um zueinander zu finden und den entscheidenden Schritt nach vorn zu tun. Die Zeit des sich in die Saison hinein Tastens und des sich Ausprobierens ist vorbei. Dieses Spiel wird ein echter Spiegel der Möglichkeiten, eine erste echte Standortbestimmung, und es wird die Nerven der Fans vermutlich extrem strapazieren, wie so oft, wenn es gegen Werder Bremen geht. Es wird eines dieser Spiele sein, die man so leicht nicht vergisst.

Fotos: Uwe Grün, Kraichgaufoto

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