Mission possible

Wie kann man gegen die Münchener Löwen so schwach und gegen die Münchener Bayern so stark spielen! Verkehrte Welt…

Oder doch nicht? Defensive Bollwerke wie das der Sechz’ger zu knacken ist manchmal schwieriger, als gegen spielstarke Ballbesitzler und Offensivkünstler wie die Bayern zu glänzen. Andererseits: Hamburg kam eine Woche zuvor in München mit 5:0 unter die Räder. Teilweise mit einer Sechser-Defensivkette! Während Hoffenheim extrem hoch stand bzw. den Gegner anlief und an der Entfaltung seines gefürchteten Ball-Spiels wirkungsvoll hinderte.

Nach der Partie meinte Pep Guardiola, sein FC Bayern habe so exzellent wie nur selten in den letzten drei Jahren gespielt. Das stimmte nicht wirklich, drückte aber ganz gut aus, wie es um die Gefühle des Star-Trainers stand und wie knapp der deutsche Rekordmeister an einer Niederlage in Sinsheim vorbeigeschrammt war. Beim Siegtreffer in der 90. Minute jubelten Bayernbank und -mannschaft denn auch wie entfesselt, fast so, als hätte man irgendein wichtiges Endspiel gewonnen.

normal_ug029_3383_220815Es begann mit dem Anstoß der Bayern, die den Ball zurücklegten: Kuranyi sprintete hinterher, zwang zum erneuten Rückwärtspass und sprintete weiter, bis Alaba in seiner Not den Ball ins Niemandsland spielte, wo Volland ihn erlief und durch Welttorhüter Neuers Hosenträger nach gerade mal neun Sekunden Spielzeit ins Tor schoss. Dass damit ein Zeichen gesetzt war, dachte zu diesem frühen Zeitpunkt wohl niemand. Als es dreißig Minuten später immer noch 1:0 stand, schon eher. Denn da hatte Hoffenheim das Spiel immer noch in der Hand, und das sollte auch eine ganze Weile so bleiben.

Zwar kam es kurz vor der Halbzeit zum Ausgleich, doch bis dahin und auch danach schnürte die TSG die Räume der Bayern derart laufintensiv maximal zu, dass sie zu etlichen Zwangsbällen Zuflucht nehmen mussten und für ihre Verhältnisse geradezu planlos nach vorne spielten. Einzig Münchens neuer Ribéry-Ersatz Costa war links außen immer frei und tat sein bestes, Gefahr vor Baumanns Kasten zu tragen. Aber die Abwehr der TSG haute (fast) alles weg.

normal_ug118_5998_220815Es war klar, dass unsere Mannschaft irgendwann Ermüdungserscheinungen zeigen würde. Mitte der zweiten Halbzeit ließ der pressende Druck auf die Bayern denn auch kraftbedingt nach, die jetzt zusehends gefährlicher wurden und manche gute Torchance ausließen. Als die Partie auf der Kippe stand, wehrte Boateng einen TSG-Freistoß etwas ungeschickt mit den Händen ab. Der überzeugende Schiedsrichter Stieler zeigte sofort auf den Elfmeterpunkt und Boateng die zweite gelbe und dann auch die rote Karte.

Das war der Moment, der den ersten Sieg gegen die Bayern möglich machen konnte, die Sensation war mit Händen zu greifen. Das Stadion kochte förmlich, als Polanski sich den Ball zurechtlegte. Manch einer dachte jetzt an Sali, der in solchen Augenblicken über die Gabe des Nichtnachdenkens verfügte und die Torhüter damit zur Verzweiflung brachte. Polanski jedoch ließ sich verunsichern – erst trat er zu früh an den Elfmeterpunkt, dann brachte Neuer den Schiri dazu, die Lage des Balls um ein paar lächerliche Millimeter zu korrigieren. Das war alles abgezockte Berechnung von Neuer, um das Stimmungshoch zugunsten von Hoffenheim zu brechen.

normal_ug136_6830_220815Als Polanski tatsächlich anlief, war der Spannungsmoment darum bereits überdehnt, und es kam, wie es kommen musste: Polanski feuerte den Ball an den rechten Pfosten. Wäre der Ball in den Maschen gelegen, hätte das unserer ausgelaugten Mannschaft noch einmal Flügel verliehen. So jedoch schmerzten die Beine noch mehr als zuvor und lag das euphorische Moment bei den Bayern, die mit ihren neun Feldspielern, darunter dem eingewechselten Lewandowski, Baumann nun immer ärger zusetzten. Irgendwie das Remis über die Zeit zu bringen, wäre gegen einen weniger hochklassigen Gegner vielleicht gelungen. Gegen die Bayern reichten die 90 Minuten plus Nachspielzeit nicht aus.

normal_ug174_6593_220815Was von der Partie bleibt, ist erstmal ein gutes Gefühl, auch wenn es um das Herausspielen eigener Torchancen noch lange nicht gut genug bestellt ist, was sich in allen vier Spielen seit dem Familientag zeigte. Trotzdem weiß man nach dem heißen Tanz mit den Bayern, dass Hoffenheim grundsätzlich auf hohem Niveau wettbewerbsfähig ist – vorausgesetzt, die beiden nächsten Spiele in Darmstadt und gegen Bremen bestätigen den Trend. Als vielfältig neu zusammengesetzte Mannschaft, die mindestens noch um den chilenischen Torjäger Vargas ergänzt wird, darf es zwar immer wieder mal zu kleineren Einbrüchen kommen – die Abstimmungsprozesse dauern natürlich noch an. Aber in den kommenden Partien müssen Erfolgserlebnisse hinzukommen, sonst droht sogar eine Abwärtsspirale.

Fotos: Uwe Grün, Kraichgaufoto

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