Die Formkurve zeigt nach oben

Nach der Pokalpleite musste man das Schlimmste befürchten. Zu kraft- und saftlos war der Auftritt in München. Aber als Fan bleibt man von der tagesaktuellen Entwicklung ja immer ein bisschen abgeschnitten und kann nicht genau wissen, wo unserer Mannschaft steht. Ihr verblüffend guter Auftritt in Leverkusen macht früher, als zu erwarten war, Hoffnung auf mehr.

Auch Trainer Gisdol reagierte überrascht: „Ich finde es verwunderlich, dass wir am ersten Spieltag schon so ein Spiel sehen können.“ Damit bezog er sich zwar auf beide Teams, doch dürfte er eher die eigene Mannschaft im Blick gehabt haben, über deren Entwicklungsstand er naturgemäß besser Bescheid wissen muss.

Und wirklich hat Hoffenheim von der ersten Minute an erstaunlich geschlossen agiert und mit einem klar erkennbaren Konzept nach vorn gespielt – offensiv wie defensiv. Das frühe Tor durch Zuber nach einem Zauberpass von Polanski war der Lohn dafür. Leverkusen fand gegen die kollektive Vorwärtsbewegung der TSG einstweilen kein Mittel, der gefürchtete Sturm mit Bellarabi, Calhanoglu und Kießling war weitgehend abgemeldet.

Foto: Federico Gambarini/dpa

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Um als Mannschaft 90 Minuten lang nach vorn zu gehen, braucht es jedoch zweierlei: Kondition und Technik. Doch je mehr die Kondition nachlässt, je mehr leidet die Technik darunter, und je ungenauer man technisch wird, desto mehr Kondition braucht man, um die Fehler zuzulaufen. Anders gesagt nehmen beide gemeinsam, Technik und Kondition, im Laufe eines Spiels ab. Entscheidend ist nur, in welchem Umfang. Bei der TSG war die Krafteinbuße diesmal wie unterm Mikroskop zu besichtigen.

Etwa ab Minute 35-40 ließ die Mannschaft in ihrem Bemühen, Leverkusen keinen Quadratzentimeter des Rasens zu gönnen, etwas nach. Zu anstrengend war der läuferische Aufwand gewesen. Die Beine wurden also schwerer, zeitgleich stieg die Fehlpassquote an. Der Gegner nahm den Vorteil dankend an und spielte sich allmählich jenseits der Mittellinie fest. Das Ausgleichstor kurz vor der Halbzeit war die logische Folge.

Nach der Pause hätte Hoffenheim noch einmal alle Kräfte mobilisieren müssen, um vielleicht wieder in Führung zu gehen und Leverkusen so den Schneid abzukaufen. Doch der kraftsparende Gang über den Platz hielt an, immer entscheidendere Fehlpässe wurden gespielt – und als nach einer Stunde Spielzeit Kuranyi vom Feld genommen wurde, kam Strobl. Der Plan hinter dieser Auswechslung war wohl, Polanskis und Schweglers Doppelsechs zu verstärken und mehr Druck in die Spitze zu erzeugen, die zusehends losgelöst vom fußballerischen Geschehen war. Doch der Plan ging nicht auf, das Zentrum der TSG wirkte eher konfus und hatte alle Hände voll zu tun, die zunehmend gefährlichen Leverkusener Ballstaffetten zu unterbinden.

Bayer 04 Leverkusen vs. TSG HoffenheimWeil das immer weniger gelang, fiel in der 70. Minute das inzwischen absehbare 2:1. Im Angesicht der nun drohenden Niederlage raffte sich Hoffenheim doch noch zu kleinen, überfallartigen Angriffen auf, vermochte Leverkusen aber nicht ausreichend zu bedrängen, um die Werkself zu Fehlern zu zwingen. Bemerkenswert ruhig und abgeklärt spulte der Gegner die letzten Minuten herunter, während Hoffenheim reichlich ausgelaugt wirkte. Eine Zweikampfquote von kaum mehr als 40% und die Tatsache, dass Volland in seinem 100. Bundesligaspiel während der 90 Minuten weniger Ballkontakte hatte als Baumann, sprachen Bände.

Vollands Kommentar nach der Partie, dass die entscheidenden Pässe in der zweiten Halbzeit nicht mehr ankamen, erklärte ebenfalls viel. Verglichen mit dem Spiel in München war die knappe Niederlage in Leverkusen dennoch eine Offenbarung – allerdings nur 40 Minuten lang. Zu mehr, man muss es offen sagen, reichten Kraft und spielerische Klasse nicht aus. Aber man kann sich als Fan jetzt berechtigte Hoffnungen machen, dass die Formkurve weiter nach oben geht und nach dem Bayernspiel, wenn die zu erwartende Niederlage ähnlich knapp ausgefallen und vor allem von einem ähnlichen Qualitätssprung begleitet sein sollte, die Saison für uns richtig anfängt.

Fotos: dpa

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