Klassischer Fehlstart

Es hilft nichts, drum herum zu reden: 1899 Hoffenheim hat beim Pokalauftakt gegen die Münchener Löwen erschreckend schwach gespielt und zurecht verloren. Es nützt aber auch nichts, hysterisch zu werden. Die Mannschaft ist in vielen Teilen neu zusammengestellt und hat noch keine Wettkampf-Erfahrung.

Trotzdem, man durfte mehr erwarten. Die Mannschaft wirkte regelrecht orientierungslos, es lief einfach nichts zusammen, über 90 lange Minuten hinweg. Da tröstet es kaum, wenn man hört, dass im Training vieles klappt. Denn das war auch letzte Saison schon so, als in der Rückrunde von der offenbar exzellenten Trainingsarbeit immer weniger zu sehen war. Fußball lebt eben nicht von der Kür, sondern beweist sich im Pflichtprogramm. Was im Training gelingt, klappt erst wirklich, wenn es im Wettkampf besteht. Wie es aussieht, gibt es hier eine Lücke, die möglichst schnell geschlossen werden muss. Sonst droht mehr als ein klassischer Fehlstart.

Die beiden Hammergegner zum Auftakt, Bayer L. und Bayern M., kommen da gerade recht. An ihren souveränen Mannschaften kann sich unsere Mannschaft aufrichten – nicht indem sie gewinnt, so schön das wäre, sondern indem sie sich findet. Die darauf folgenden Gegner Darmstadt und Bremen sind unkalkulierbar wie die Münchener Löwen: Kampfspiele, vogelwilde Spiele, Betonfußball, alles ist möglich und lädt nicht dazu ein, die eigenen Reihen systematisch auszurichten.

Fußball: DFB-Pokal - 1. Runde: TSV 1860 München - 1899 Hoffenheim am 08.08.2015. Oliver Baumann (l) aus Hoffenheim schaut auf Daniel Adlung aus München. Foto: Marc Müller/dpa

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Gegen große Teams fällt das, obwohl man wahrscheinlich verliert, wegen ihrer Berechenbarkeit und der Ordnung im Spiel viel leichter. Strukturelle Schwächen treten im Gegenlicht erstklassiger Teams klar vor Augen, so dass man daran arbeiten kann, sie wirkungsvoll abzustellen. Gegen 1860 München war das ganz anders – und entsprechend ratlos wirkten die Spieler danach. Es war so vieles nicht im Ansatz gelungen, dass man hinterher nicht recht wusste, wo anfangen mit der Selbstkritik.

War es die Langsamkeit im Kopf oder in den Beinen, die den Gegner stark machte? Waren es die fehlenden Impulse aus dem Mittelfeld, die vorne für das vollständige Ausbleiben der typischen Hoffenheimer Großchancen sorgte? War die Abwehr zu ungeordnet? Hatte Rudy auf der 10 zu wenig Antritt und Übersicht? War das Pass-Spiel zu ungenau? Ging zu viel durch die Mitte und machte es der Münchener Abwehr zu leicht?

Jeder dieser Aspekte hat seine Berechtigung. In der Summe führte es zu einer konturlosen Spielweise und greifbarer Verunsicherung darüber, wie die Trainingsinhalte in den unerbittlich ablaufenden 90 Minuten in substantiellen Gewinn, also Tore oder wenigstens torgefährliche Angriffe, umzumünzen wären. Die Mannschaft wollte den Gegner früh angreifen oder den Ball zirkulieren lassen, sie wollte im Angriff verwirrende Positionswechsel inszenieren – und verwirrte sich nur selbst.

Fußball: DFB-Pokal - 1. Runde: TSV 1860 München - 1899 Hoffenheim am 08.08.2015 in der Allianz Arena in München. Stephan Hain (M) aus München im Kampf um den Ball mit Pirmin Schwegler (l) und Pavel Kaderabek aus Hoffenheim. Foto: Marc Müller/dpa (Wichtiger Hinweis: Der DFB untersagt die Verwendung von Sequenzbildern im Internet und in Online-Medien während des Spiels (einschließlich Halbzeit). Sperrfrist! Der DFB erlaubt die Publikation und Weiterverwertung der Bilder auf mobilfunkfähigen Endgeräten (insbesondere MMS) und über DVB-H und DMB erst nach Spielende.)

Foto: Marc Müller/dpa

Doch das verordnete, vielgelobte Pressing-Spiel stößt eben auch an seine Grenzen, wenn ein Gegner wie München ’60 einfach nichts unternimmt, das zum Pressen einlädt, und stattdessen aus sicherer Abwehr auf Fehler wartet, um seinerseits schnell und entschieden nach vorn zu gehen. Irgendwann, das war absehbar, würden die Löwen (anders als Bournemouth letzte Woche) eine ihrer Chancen nutzen und in Führung gehen und für noch mehr Verunsicherung sorgen.

Leider verletzte sich Schär, beim Kopfballduell vom Gegenspieler gelbwürdig ausgehebelt, so schwer, dass er vom Platz musste. Seine präzisen Bälle nach vorn ersetzten bis dahin die Mondbälle der letzten Saison, mit denen weder Modeste noch Szalai viel anfangen konnten, und waren die einzige auszumachende Quelle von Unruhe und Gefahr. Uth war noch nicht wieder fit, Schmid ohne Auftrag zu Flankenläufen, Kuranyi zu kurz auf dem Platz – und Kaderabek spielte den verhängnisvollen Ball in die Füße des Gegners, der zum 1:0 für die Löwen führte.

Alles Neue war damit vorerst gestoppt, mit dem die TSG frisch in die Saison starten wollte. Jetzt muss sie Geduld beweisen, der ganze Verein, alle Verantwortlichen und die Fans, und darauf setzen, dass die taktischen und personellen Fehlerquellen Stück für Stück trocken gelegt werden. Gegen Leverkusen und die Bayern besteht wenig Aussicht auf Punkte, aber auf lehrreiche Momente. Wenn man es versteht, sie zu nutzen, ist so ein klassischer Fehlstart kein Beinbruch!

Fotos: dpa

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Alexander H. Gusovius