Pokalherausforderung

Anders als sonst hat 1899 Hoffenheim im Pokal diesmal keines der üblichen Fliegengewichte aus Bremer Vorstädten oder Berliner Stadtteilen zugelost bekommen, sondern mit 1860 München einen Zweitligisten. Dass die „Sechz’ger“ nur knapp dem Abstieg entronnen waren und in den letzten Jahren für viel Durcheinander und sportliche Defizite standen, macht das Los nicht leichter. Auch nicht, dass die zahnlosen Löwen mit zwei Niederlagen in die Saison gestartet sind.

Denn die Herausforderung besteht darin, dem Gegner, der schon echte Spielpraxis hat, strukturierte Aktionen entgegenzusetzen, die unsere neu zusammengesetzte Mannschaft noch gar nicht ausreichend entwickeln konnte – und nicht zu meinen, der schwache Gegner werde egalwie locker zu besiegen sein. Es ist also eine echte Bewährungsprobe, die da auf die TSG wartet, ohne Vorlauf! Quasi aus dem Stand müssen Spielzüge und Spielkultur aufgeboten werden. Und der Gegner wartet nur darauf, sich den Liga-Fehlstart mit einem Pokalsieg zu versüßen.

Das extrem Spannende an dieser Partie ist, dass sie völlig unvorhersehbar ist. Kann sein, die TSG beweist unter Druck Klasse… Kann aber auch sein, sie lässt sich unter Druck verunsichern… Kann sein, das mannschaftliche Gefüge wächst dabei rascher zusammen… Kann aber auch sein, dass noch nicht viel zusammengeht. Außerdem muss man sich auf eine ruppige Gangart einrichten, die Münchener Löwen werden nicht viel mehr zu bieten haben.

normal_ug104_1053_010815In der 2. Liga gab’s schon mal ein Aufeinandertreffen, bei dem die Münchener 2007 in Hoffenheim siegten und Hoffenheim 2008 in München gewann. Viel statistisches Material bietet diese dürftige Bilanz natürlich nicht, so dass man sich aufs Orakeln beschränken muss. Und das geht in diesem Fall so: 1860 München wird energisch in die Partie gehen, dabei tief stehen und folgerichtig neben dem Ball vor allem die Knochen der Hoffenheimer Gegenspieler im Auge haben. Hoffenheim wird das Spiel machen müssen, aber viel lieber kontern wollen.

Daraus sollte sich ein ziemlich mühseliges, räumlich enges Spiel ergeben, das wesentlich davon abhängt, ob es gelingt, mit technischer Finesse das Münchener Bollwerk zu knacken. Viel Freude wird man beim Zuschauen nicht haben, aber darauf kommt es auch gar nicht an. Spannend ist die Partie ja sowieso. Hauptsache, die Löwen können nicht selber dauernd kontern, dann wird die TSG sie irgendwann müde spielen und die eigene neue Angriffsformation in Wert setzen.

Doch vielleicht kommt alles auch ganz anders und die Löwen sind so schwach, dass ein rechter Spaziergang daraus wird. In diesem Fall würde uns Schippo fehlen, der in solchen Spielen gern wie am Fließband getroffen hat. Aber werden wir nicht sentimental – dass Schippo eine neue Herausforderung gesucht hat, ist nur zu verständlich. Ein Leben als Joker ist für einen talentierten Fußballer kein echter Lebensinhalt. Hoffen wir für ihn, dass er in Hamburg öfter in die Startaufstellung rückt. Und hoffen wir für Hoffe, dass wir diese Wundertüte von Pokalspiel gut überstehen!
Fotos: Uwe Grün, Kraichgaufoto

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Alexander H. Gusovius