Saison 2009/2010

Sommerpause! Die große fußballgähnende Leere! Nur die Transfergerüchte und Transfernachrichten vertreiben einem ein bisschen die Zeit. Und wer auf die Spiele der deutschen U-21 bei der EM in Tschechien mit Kevin Volland gesetzt haben sollte, muss jetzt überlegen, ob er sich nach dem lauen 1:1 gegen Serbien lieber umorientiert. Wie steht’s mit Firmino? Der Gerade-noch-Hoffenheimer agiert bisher eher glanzlos, die ganze Seleçao enttäuscht. Außer Neymars Kopfstoß samt roter Karte gibt es wenig Aufsehenerregendes zu berichten.

Der Hoffenheimblog taucht deshalb in die Vergangenheit ab. Die TSG hat schon so viel Erstliga-Geschichte auf dem Buckel, dass man sich die fußballfreie Zeit eben auch mal im Rückblick vertreiben kann. Vor allem die Jahre zwischen 2009 und 2012 drohen allmählich dem Sumpf des Vergessens anheimzufallen. Dabei war auch da jede Menge los, die Hoffnungs- und Leidenskapazitäten der Fans wurden auch damals schon mächtig strapaziert.

Blenden wir bspw. zurück in den Spätsommer 2009. Die Vorsaison, also das erste Hoffenheimer Jahr im Oberhaus des deutschen Fußballs, hatte aus zwei sehr verschiedenen Hälften bestanden. Da gab es erst die berauschende, sensationelle Hinrunde mit dem inoffiziellen Herbstmeistertitel, danach eine Rückrunde mit wenigen Punkten und umso mehr quälender, offener Fragen. Trainer Rangnick wollte nun für die Saison 2009/2010 neue Motivation aufbauen, das Team stabilisieren, frisch angreifen und überhaupt vieles besser machen – und ein paar Verstärkungen vornehmen. Anders gesagt ging er auf große Einkaufstour, verpflichtete aber leider eher Namen anstatt fußballerischer Offenbarungen.

normal_ug_7198_080809Neu in die Mannschaft kam etwa Franco Zuculini aus Argentinien, der als Supertalent galt, seit Superstar Maradona ihn in den höchsten Tönen gelobt hatte. Dazu Maicosuel, ein eleganter, junger Spieler aus Rio de Janeiro, der von Rangnick trotz vieler schöner Angriffsmomente nie wirklich akzeptiert wurde. Des Weiteren der hochbezahlte Innenverteidiger Josip Simunic, den Hertha BSC unter anderem auch deshalb ziehen ließ, weil er den Zenit seiner Karriere überschritten hatte. Um den Angreifer Prince Tagoe sollte es noch viel Wirbel geben, weil beim Medizincheck übersehen worden war, dass er Herzprobleme hatte. Christian Eichner, linker Verteidiger des im Mai 2009 abgestiegenen Lokalrivalen aus Karlsruhe, geboren in Sinsheim, aufgewachsen in Sulzfeld, erwies sich als solider, aber nur mäßig begabter Außenverteidiger.

Die neue Saison begann genau so, wie die alte geendet war: zu Gast in Sinsheim war Bayern München. Und die Bayern sahen sich einer fulminant aufspielenden TSG gegenüber, die zur Halbzeit locker mit drei Toren hätte in Führung liegen können. Leider jedoch stand es nach 90 Minuten nur 1:1, die Bayern waren mal wieder davongekommen. Das Spiel wirkte über weite Strecken wie die Rückkehr jener sensationellen Spielweise, die zur Herbstmeisterschaft geführt hatte – mit blitzschnellem Kurzpass-Spiel düpierte Hoffenheim die Münchener, deren strategischer, umständlicher Spielaufbau unter Neu-Trainer van Gaal an die 70-er Jahre erinnerte. Leider fehlten am Ende die Tore, der TSG-Angriffswirbel blieb zahnlos, denn Demba Ba war nach Entfernung seines Schienbeinnagels noch nicht einsetzbar und Ibisevic fehlte die alte Sicherheit, die er – wie wir heute wissen, auch nie mehr zurückerlangen sollte.

normal_ug_7623_080809In Leverkusen wurden die gleich wieder hochschießenden Erwartungen wirksam gedämpft. Gegen die Bayer-Elf gelang wenig, auch weil Rangnick eine defensive Grundeinstellung gewählt hatte, was der TSG noch nie gut bekommen war, bis heute nicht. Etliche Fehlpässe und eine deutlich zu spürende, überhebliche Lässigkeit prägten das Hoffenheimer Spiel. Das knappe 1:0 von Leverkusen, ohne großen Aufwand eingefahren, ging deshalb völlig in Ordnung, auch die spät eingewechselten Ba und Wellington entwickelten keine Torgefahr. Außerdem hatte sich unter der Woche Unruhe breitgemacht, nachdem sich herausstellte, dass Neueinkauf Tagoe offenbar an einer Herzerkrankung litt. Der Medienwirbel um seine sofortige Kündigung, die seitens der TSG alsbald zurückgenommen wurde, zehrte doch sehr an den Nerven.

normal_ug_8657_150809Der zukünftige Bayernstar Manuel Neuer war in der Partie gegen Schalke 04 fast im Alleingang dafür verantwortlich, dass trotz neuerlicher Angriffslaune und exzellentem Kurzpass-Spiel nur ein 0:0 heraussprang. Die Knappen hätten ohne Manuel Neuer aber einpacken können – von heute aus gesehen, konnte Schalke nach seinem Weggang nie mehr wirklich glänzen. Es gibt Transfers, die ein Verein besser nicht zulässt… Danach hatte Hoffenheim in Hannover Dusel. Erneut spielte die Mannschaft zu defensiv, war zu langsam im Spielaufbau – während Hannover mutig nach vorn ging, aber etliche Torchancen ausließ, so dass die TSG mit 0:1 siegte.

normal_ug_7679_210809Im nächsten Heimspiel schien die Hoffenheimer Anspruchswelt wieder bestätigt zu werden. Gegen Bochum gelang es, trotz gebremster Offensive das Spiel jederzeit zu kontrollieren: Gustavo, Salihovic und Eduardo im Mittelfeld und die drei Musketiere Ba, Ibisevic und Obasi erinnerten stark an die so erfolgreiche letztjährige Hinrunde. 3:0 endete die Partie.

normal_ug_1442_120909Das Endergebnis des folgenden Spiels in Gladbach hätte ähnliche Gefühle auslösen können, hätte Hoffenheim nicht bis kurz vor Schluss 2:1 zurückgelegen. Dass es am Ende 2:4 stehen würde, war aber imgrunde pures Glück – oder Gladbacher Nachlässigkeit. Die fulminante Aufholjagd in den letzten Minuten brachte Hoffenheim den Sieg durch Tore von Maicosuel, Obasi und Ba. Davor war das Spiel der TSG denkbar schwach und unkonzentriert – ein aus heutiger Sicht allzu bekanntes Auf und Ab der Leistungen begann sich abzuzeichnen, ohne dass Rangnicks Ehrgeiz dadurch getrübt worden wäre.

Der Besuch der alten Dame aus Berlin schien ihn zu bestätigen, 5:1 stand es gegen die Hertha nach dem Schlusspfiff. Die Mannschaft spielte, während im Lande Angela Merkel erneut die Bundestagswahl gewann, beeindruckenden, äußerst beweglichen, modernen Fußball. Drei schöne Tore von Ibisevic krönten die besondere Leistung, so dass alles wieder im Lot schien. In der Tabelle nahm Hoffenheim nun Platz 3 ein.

normal_ug_7671_270909Aber nur eine Woche darauf ging es wieder in die Gegenrichtung. Sobald sich Mannschaft und Trainer auf der Erfolgsspur wähnten und die rauschhaften Erfolge der Vorsaison im Kopf hatten, geriet das Spiel der TSG aus den Fugen, besonders gern auswärts, was nach dem Sieg über die Hertha jetzt gleich zweimal in Folge zu beweisen war. In Mainz lieferte die Mannschaft eine unterspannte erste Halbzeit ab, so dass die knochenhart auftretenden Mainzer 2:0 in Führung ging. Danach kämpfte Hoffenheim sich ins Spiel zurück und ließ wenige Torchancen mehr zu, erzielte aber außer durch Ibertsberger auch kein eigenes Tor mehr. Das Spiel in Bremen verlief umgekehrt: Hoffenheim setzte die Gastgeber mächtig unter Druck, obwohl Ibisevic und Salihovic auf der Bank saßen und Ba verletzt war, alles infolge von Länderspielen. Nur dass Bremen viel ökonomischer und klüger agierte und den 2:0-Endstand durch maximale Geschlossenheit und großen Kampfgeist Mann gegen Mann herauszuarbeiten vermochte. Die Tabelle sah Hoffenheim danach auf Platz 7.

normal_ug_8769_031009Der nächste Heimgegner war Nürnberg. Ein paar Wochen zuvor hatte man die Franken noch souverän aus dem DFB-Pokal geworfen (ohne dass in dieser wie in der vorigen noch in allen nächsten Spielzeiten das ersehnte Berliner Finale in Sicht gekommen wäre). Das Spiel endete 3:0, obwohl Nürnberg diesmal viel besser spielte. Zu den schönsten Momenten gehörte ein sehenswerter Fernschuss von Eichner, der mit über 100 km/h im oberen rechten Winkel einschlug. Und auch Zuculini, bislang nur in Kurzeinsätzen unterwegs, diesmal zur Halbzeit eingewechselt, erzielte sein erstes Saisontor.

normal_ug_0703_241009Es folgte ein knapper Auswärtssieg im badischen Derby gegen Freiburg. Da Obasi und Ba fehlten, schwächelte der Sturm, so dass Maicosuel mit einem wunderschönen Schlenzer den einzigen Treffer des Spiels erzielte und Hoffenheim in der Tabelle auf Platz 5 hievte. Zum unschönen Ausgleich verlor Hoffenheim das nächste Heimspiel gegen Wolfsburg mit 1:2. In der ersten Halbzeit noch deutlich überlegen und mit 1:0 in Führung gegangen, kehrte eine lässige Hoffenheimer Elf zurück aufs Spielfeld und sah sich einer entschlossenen Wolfsburger Truppe gegenüber, der die Pausenansprache offenbar Beine gemacht hatte. Innerhalb von fünf Minuten verlor Hoffenheim die viel zu früh gewonnen geglaubte Partie.

normal_ug_4119_011109Ein Fußballfest in Köln versöhnte die Fans. In der Domstadt spielte Hoffenheim haushoch überlegen, vier Tore wurden erzielt und keines kassiert. Das Kölner Publikum verhielt sich gewohnt unfair, skandierte trotz eindringlicher Mahnungen wenige Tage nach dem Freitod von Nationaltorhüter Robert Enke üble Sprechchöre gegen Hoffenheim, pfiff zuletzt die eigene Mannschaft aus und kehrte ihr in der Südkurve sogar minutenlang den Rücken zu. Hoffenheim sprang kurzfristig auf Platz 4 der Tabelle.

Gegen Ende der Hinrunde schienen sich die anfängliche Heimstärke und Auswärtsschwäche von Hoffenheim ins Gegenteil zu verkehren. Nach dem Sieg in Köln folgte eine Niederlage zuhause gegen Dortmund – was aufgrund der anhaltenden Sticheleien der Dortmunder, angeführt durch scharfe Angriffe von Geschäftsführer Watzke, besonders wehtat. Die mitgereisten Dortmunder „Fans“ präsentierten gröbste Spruchbänder, demolierten Toiletten und brüllten im Chor Beleidigendes im Minutentakt. Außerdem kam es, als Torhüter Weidenfeller sich filmreif fallen ließ, nachdem Maicosuel ihm den Ball aus den Armen geschlagen hatte, ohne Weidenfeller zu treffen, zum Platzverweis des jungen Brasilianers. Dass Hoffenheim in diesem vergifteten Spiel ein Tor und Dortmund zwei Tore erzielte, war fast ein Nebenereignis.

normal_ug_0216_281109In der drittletzten Partie vor der Winterpause kam Hoffenheim in Hamburg zu einem verdienten 0:0. Taktische Anweisungen beherrschten das Spiel, beide Mannschaften legten es darauf an, den Spielfluss des Gegners zu unterbinden, und starteten Angriffe nur aus absolut gesicherter Position. Der sich daraus ergebende langweilige Fußball hatte aber auch einen anderen Grund: Zum ersten Mal wurde mit dem neuen WM-Plastikball gespielt, dessen flatternde Flugbahnen berüchtigt waren.

Im letzten Heimspiel der Hinserie erwartete man Frankfurt. Nach der frühen Führung durch einen berechtigten Foulelfmeter überließ Hoffenheim der Eintracht das Spiel, die es auf sagenhafte 70% Ballbesitz brachte, ohne ein Tor zu erzielen. Das gelang den Hessen erst nach der Pause, als Hoffenheim doch noch aufs Tempo drückte – und Hildebrand einen leicht abgefälschten Ball nicht abwehren konnte. Mindestens einen Elfmeter hätte Hoffenheim, von den Schiedsrichtern in dieser Hinsicht nicht verwöhnt, noch bekommen müssen. Zuletzt jedoch war das 1:1 aufgrund der Spielanteile durchaus gerecht.

Früher Frost hatte den letzten Spieltag der Hinserie zu einem Leistungstest der Bundesliga-Rasenheizungen werden lassen. Die Stuttgarter Anlage kam gegen die Kälte nicht mehr an, Schnee bedeckte den tiefgefrorenen Boden, entsprechend schwerfällig entwickelte sich die Partie. Stuttgart ging mit einem unberechtigten Handelfmeter in Führung, Maicosuel zimmerte kurz vor der Pause einen Freistoß aus gut 20 Metern über die Mauer ins Tor, brisante Spielszenen blieben Mangelware. Nach der Pause mühte sich Hoffenheim, mehr spielerische Momente zu kreieren, verlor aber bald Luiz Gustavo, der damals noch ziemlich hitzköpfig war und nach übermotiviertem Foul die rote Karte gesehen hatte. Seltsamerweise wurde Hoffenheim danach erst gefährlich, lief jedoch in Unterzahl zwangsläufig in Stuttgarter Konter und verlor deshalb die Partie mit 3:1. Mit Platz 7 auf der Wintertabelle durfte man nach all dem Hin und Her und den schwankenden Leistungen eigentlich nicht unzufrieden sein.

normal_ug_7253_191209Durch die Terminenge wegen der anstehenden WM in Südafrika geriet die Winterpause sehr kurz. Der Trainingsauftakt der TSG wurde zudem noch überschattet durch eine schwere Erkrankung des Vaters von Ralf Rangnick. Es war selbstverständlich, dass der Trainer über längere Zeit dem Trainingsgeschehen fernbleiben durfte, um sich um seinen Vater kümmern zu können, zum Glück auch erfolgreich.

Das Rückrundenauftaktspiel gegen die Bayern stand also unter keinem guten Stern, zumal auch noch Obasi und Vorsah für ihre Nationalmannschaft beim Afrika-Cup spielten und auch sonst etliche Verletzte zu beklagen waren. In der Allianz-Arena kam es dadurch zu keinem hochklassigen Spiel, das die Bayern auf die bekannte, ebenso langweilige wie gemächliche Weise kontrollierten. Dass es am Ende 2:0 für den Rekordmeister stand, war angesichts der halben Hoffenheimer Ersatzmannschaft kein Wunder.

Zum ersten Heimspiel der Rückrunde reiste Angstgegner Leverkusen an, der in der ersten Halbzeit bei heftigem Schneetreiben diesmal wenig Schrecken verbreiten konnte. Ein eher glückliches, frühes Tor erzielte Leverkusen noch, danach ging wenig mehr zusammen, wie auch seitens der TSG, die mutig stürmte, aber keine echte Torgefahr entwickelte. Nach der Pause wirkte Leverkusen dann wie ausgewechselt, Hoffenheim leider auch, so dass Leverkusen allen Raum bekam, den die Werkself zum Endstand von 0:3 brauchte.

normal_ug_0522_240110Auf Schalke verlor Hoffenheim gleich wieder, es war das vierte Spiel in Folge, was zum Absturz auf Platz 9 in der Tabelle führte. Immer noch stark ersatzgeschwächt – nachdem sich auch Maicosuel verletzt hatte –, verfing auch die immerhin große kämpferische Einstellung gegen Magaths taktisch diszipliniert spielende Truppe nicht. Frühe Tore in beiden Halbzeiten durchkreuzten Rangnicks zunehmend diskreditierten Plan, wieder mal aus gesicherter Abwehr heraus das Spiel über Konter zu gewinnen… Gesicherte Abwehr? Bis heute ist das Gift für die TSG!

normal_ug_0968_060210Aber danach endlich wieder ein Sieg. Hannover, das seit Enkes Freitod völlig den Faden verloren hatte, versuchte zwar alles, aber die zurückgekehrten Obasi und Maicosuel zerlegten die gegnerische Abwehr nach Lust und Laune. Zur Pause stand es 2:0, danach erzielte Hannover auch noch ein Tor. Die vom Trainer zum wiederholten Mal öffentlich zum Wunsch gemachte „kleine Serie“ wurde damit aber wieder nicht gestartet – schon im nächsten Spiel in Bochum setzte es erneut eine Niederlage. Hoffenheim fand gegen die Bochumer Taktik an, das eigene Stadion zur Verteidigungsfestung zu erklären und nur auf Konter zu setzen, kein Mittel. Am Ende stand es 2:1, gefolgt von einem farblosen Auftritt samt zwei Toren auf beiden Seiten zuhause gegen Gladbach. Erst gegen Berlin, das eine schwarze Saison bis hin zum Abstieg spielte, gelang wieder ein allerdings glanzloser Sieg.

normal_ug_3500_190210Inzwischen war klar, dass aus dem erhofften Anschluss an die großartige Vorsaison, mindestens der damaligen Hinrunde, nichts werden würde. Wieder tat sich Hoffenheim in der Rückrunde schwer, wieder waren zahllose Ausfälle zu verkraften – und der anhaltende Ehrgeiz, besonders des Trainers, führte zu Verkrampfungen. Das sportliche Konzept durch neue Leichtigkeit zu ersetzen und frische Kräfte zu wecken, rückte in immer weitere Ferne. Imgrunde setzte hier schon jene unselige Entwicklung ein, die 2013 fast in den Abstieg geführt hätte.

Gegen Mainz musste gleich die nächste Heimniederlage verkraftet werden – unnötig wie im Hinspiel, doch ebenso zwangsläufig eingefahren, indem man die Mainzer schlicht und einfach unterschätzte. Ein einziges Tor reichte aus, eine zerfahrene Hoffenheimer Elf ins Messer laufen zu lassen. Zum ersten Mal gab es deutliche Pfiffe vom Publikum, es folgte ein Krisengespräch zwischen Dietmar Hopp und Ralf Rangnick. Das zweite Heimspiel gleich darauf zu gewinnen, gelang dadurch zwar nicht, aber die Mannschaft kämpfte bei der 0:1-Niederlage gegen Bremen wenigstens vorbildlich. Inzwischen lag Hoffenheim nach so vielen verlorenen Punkten auf Platz 11 in der Tabelle…

normal_ug_5401_140310Wenige Höhepunkte und viel harte Arbeit prägten das Auswärtsspiel in Nürnberg, das torlos endete. Den einzigen Glanzpunkt setzte das Nürnberger Publikum, das in seiner Mehrheit gegen üble Sprechchöre zulasten von Dietmar Hopp anpfiff und die skandierende Minderheit dadurch wirklich zum Verstummen brachte. Frei von ähnlichen Zwischenfällen verlief seitens der Fans das anschließende Baden-Derby gegen Freiburg, das 1:1 endete. Trainer Ralf Rangnick war viel an der Seitenlinie zu sehen, demonstrativ unzufrieden mit der Leistung seiner Mannschaft, die aber letztlich er selber zu verantworten hatte.

normal_ug_9008_280310Nach Wolfsburg war Dietmar Hopp, der Auswärtsspiele wegen der üblichen Anfeindungen meist ausließ, einmal mitgefahren. Er erlebte eine solide erste und eine hilflose zweite Hoffenheimer Halbzeit – beide Male ohne Tore, das Selbstvertrauen war mehr als angeknackst. Wie tief die Verunsicherung der Mannschaft inzwischen war, zeigte dann das Heimspiel gegen Köln, trauriger Höhepunkt der Saison. Anfangs Spiellaune demonstrierend, ließen die Hoffenheimer sportlichen Ambitionen empfindlich nach, als Köln zu Beginn der zweiten Halbzeit in Führung gegangen war. Um es rundheraus zu sagen, löste sich danach das Spiel der TSG weitestgehend auf. Köln siegte mit 0:2, gellende Pfiffe hallten durch die Arena, 200 Fans blockierten anschließend sogar die Abfahrt des Mannschaftsbusses. Das geschah zwar völlig friedlich, wirkte im beschaulichen Hoffenheimer Fußballbetrieb aber irgendwie unerhört. Weitere Krisengespräche folgten, in denen der Wille zum Zusammenhalt beschworen wurde.

normal_ug_8405_100410Aus Dortmund brachte Rangnick in der Folge ein scheinbar versöhnliches 1:1 nachhause, die Mannschaft agierte extrem defensiv, so dass es erst ganz kurz vor Schluss gelang, den Ausgleichstreffer zu erzielen: kollektives Aufatmen in Hoffenheim. Im vorletzten Heimspiel der Saison erwartete man den Hamburger SV, die wie immer ausverkaufte Rhein-Neckar-Arena wurde zur lärmenden Hölle – ein Sponsor hatte im Vorgriff auf die WM 5000 Vuvuzelas auslegen lassen. Im Elefantentröten ging der HSV mit 5:1 wie eine havarierte Hansakogge unter. Hoffenheim dagegen stürmte, als hätte die Mannschaft die gesamte Saison nichts anderes getan, und bot den Fans glanzvolle Spielzüge: am Vorabend von Dietmar Hopps 70. Geburtstag zugleich das beste Geschenk für ihn, das zu denken war. Nach zuletzt Platz 12 und 13 in der Tabelle kletterte Hoffenheim wieder auf 11.

normal_ug_9335_250410In Frankfurt, fast immer ein dankbarer Gegner der TSG, gelang es die gute Stimmung zu konservieren und den hessischen Fans die Abschiedsparty einer ungewohnt guten Saison zu verderben. 1:2 lautete der Endstand nach einer mannschaftlich äußerst geschlossenen Leistung. Dabei waren die Hessen früh in Führung gegangen, aber Hoffenheim wurde durch einen Doppelschlag von Prince Tagoe in den letzten zehn Minuten belohnt.

normal_ug_1072_010510Am Abend nach dem letzten Spiel der Saison gegen Stuttgart machte die Nachricht die Runde, dass Manager Jan Schindelmeiser seinen Vertrag mit Hoffenheim auflöste – sichtbare Folge vieler unruhiger Momente, die es in Hoffenheim gegeben hatte. Eine Woche zuvor hatte noch Ralf Rangnick laut über seine eigene Zukunft nachgedacht, sich aber zum Bleiben entschlossen. Dass es zwischen beiden Vorgängen unsichtbare Verbindungen geben musste, war zu vermuten. Außerdem kündigten Teamarzt Beks und Sportpsychologe Hermann an, den Verein zu verlassen. Und Carlos Eduardo, der zuletzt immer lustloser gewirkt hatte, wechselte in die russische Liga – was ihm wenig Glück brachte. Immer wieder mal ist er seither in Sinsheim bei Spielen zu Besuch und erinnert sich wehmütig an seine schönsten Fußballerjahre.

normal_ug_0917_080510Das Spiel selbst gehörte unter diesen Umständen nicht zu den herausragenden Ereignissen. Ein gerechtes 1:1 beließ Hoffenheim auf Platz 11 der Abschlusstabelle. Das erschien wenig und genügte Rangnicks Vorstellungen und seinem Selbstverständnis in keiner Weise, war aber angesichts der für Aufsteiger traditionell besonders schwierigen, zweiten Saison doch viel.

In der nächsten Saison sollte sich zeigen, dass in Wahrheit ein tiefer Riss zwischen Hoffenheim und Rangnick entstanden war. Für den Trainer konnte es nur eine Richtung geben, und die lautete: Champions League. Dafür wollte er noch viel mehr Geld in die Hand  nehmen, als ihm ohnehin zugestanden worden war. Für Dietmar Hopp indes waren die vielen Fehleinkäufe und der ausbleibende sportliche Gewinn ein deutliches Zeichen, Rangnicks Wünschen nicht zu folgen. Im Jahr darauf sollte es deshalb zur vorhersehbaren Trennung kommen.

 

Fotos:

Kraichgaufoto Uwe Grün

 

Quellen:

Saisonchronik 2009/2010, TSG 1899 Hoffenheim

Das Prinzip Hoffenheim, Tectum Verlag

www.kicker.de

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Alexander H. Gusovius