Große Gefühle…

Man weiß noch nicht, wo Firmino nächste Saison spielt – kaum mehr in Hoffenheim. Einer aber, der ebenfalls so gut wie weg schien, bleibt: Kevin Volland. Die Verkündung seiner Vertragsverlängerung unmittelbar vor der Partie gegen Hertha BSC löste eine Welle der Begeisterung aus.

Dass Vollands Vertrag mit der TSG jetzt bis 2019 datiert ist, darf man unter „Papier ist geduldig“ abheften. Denn die systembedingte Ungeduld im Profifußball wird schon in einem Jahr heftige Spekulationen in Gang setzen, ob Volland dann endlich zu einem der ganz großen Klubs wechselt und die TSG richtig viel Geld dafür einstreicht. Aber das kann uns für den Moment herzlich egal sein: Volland bleibt. Jetzt. Für die nächste Saison auf jeden Fall. Punkt.

Dem Spiel und der Stimmung im Stadion tat die Nachricht erkennbar gut. Wenn einer wie Volland sich zum Bleiben entschließt, trotz namhafter Verlockungen, dann hat die mäßige Rückrunde nicht so viel Gewicht, wie man befürchten konnte – weder innerhalb der Mannschaft noch eben bei den Fans, deren beeindruckende Wappen-Choreographie zum versöhnlichen Saisonabschluss von Vollands Verbleib förmlich überzuckert wurde.

normal_ug121_8741_230515Die Mannschaft spielte in den ganz passablen neuen Trikots denn auch wie befreit, es ging ja um nichts mehr, vermeintlich. In Wahrheit ging es immer noch um die Platzierung auf der Abschlusstabelle. Bei einer Niederlage hätte Hoffenheim bis zu knapp 3,5 Mio. € Fernsehgelder weniger eingenommen, kein Pappenstiel. Wie auch immer – die spielerische Harmonie, die über die Rückrunde verloren gegangen schien, war zurück, so dass die Hertha nach Modestes frühem Tor (Vorlage Firmino) zwar noch den späten Ausgleich erzielen konnte, kurz darauf aber durch Firminos Abstauber nach Abrahams Freistoß und seinem anschließendem Gewaltschuss-Zweitversuch wieder zurücklag. Hoffenheim spielte fühlbar und sichtbar wieder wie aus einem Guss, auch wenn es immer noch zu viele Fehlpässe und zu wenige Flankenläufe bzw. Flankenkombinationen zu sehen gab.

normal_ug060_8278_230515Platz 8 auf der Abschlusstabelle war der Lohn: nicht übel und doch zu wenig, wenn man bedenkt, wie nah die europäischen Plätze diesmal waren und was die Mannschaft eigentlich kann. In der Vorrunde, die insgesamt glücklicher verlief, war das klar zu erkennen. In der Rückrunde jedoch spielte die Mannschaft sich fest, nicht wenig wirkte gewollt und nicht gekonnt, bis jene typische Verunsicherung einsetzte, die Mannschaften effizienter am Siegen hindert als jeder Gegner.

Die abgelaufene Saison stand unter der Devise, statt Spektakelfußball zu Teilen auch sicheren Fußball zu spielen. Trainer Gisdol, der seinen Vertrag vor ein paar Wochen selber gut dotiert verlängert bekam, wollte die Umschaltphilosophie der TSG um einen ballsichernden Aspekt bereichern, damit weniger hinten anbrennt. Man muss sagen, dass ihm das nicht wirklich gelungen ist, zumal die Offensive der TSG, eigentlich ihr Glanzstück, auch noch massiv in Mitleidenschaft gezogen wurde. Aber man muss auch zugeben, dass solche fundamentalen Umsteuerungen, wie Gisdol sie begonnen hat, durchaus etwas länger dauern können und nicht auf Knopfdruck zu bewältigen sind.

normal_ug131_8772_230515Überhaupt sollte man sich klarmachen, wo die TSG in ihrer Entwicklung eigentlich steht. Seit sieben Jahren in der Ersten Bundesliga unterwegs, ist 1899 Hoffenheim weiterhin ein Frischling im Konzert der Liga. Und wenn man jungen Spielern wie Toljan Erfahrungsdefizite zubilligt bzw. ihnen zurecht zutraut, dass sie bei mehr Spielpraxis ihr riesiges Talent erst noch richtig entfalten, dann muss man das auch der TSG insgesamt zubilligen, die eben immer noch Erfahrungen einsammelt, die Vereine wie Gladbach oder Mainz schon längst haben.

Das gilt übrigens auch für Markus Gisdol und Alexander Rosen. Die Tatsache, dass sie jetzt über zwei Jahre am Ruder sind und uns von Abstiegssorgen ferngehalten haben, trübt vielleicht etwas den Blick dafür, dass beide ja selber, ähnlich wie Toljan oder Süle, als Frischlinge auf der Fußballbühne zu gelten haben. Auch sie müssen erst noch an Erfahrungen zulegen und aus Fehlschlägen lernen, wie es die TSG insgesamt im besten Fall eben auch tut.

normal_ug158_8614_230515Zieht man, dies alles bedenkend, einen Strich unter die abgelaufene Saison, ist es vielleicht ganz gut, dass der europäische Wettbewerb noch ohne uns stattfindet. Gut möglich, dass der Verein, die Mannschaft und die sportliche Leitung überfordert gewesen wären und ihren Lernprozess darum jetzt viel effizienter ausgestalten können, um irgendwann später echtes Gewicht auf die europäische Waage zu legen. Dazu wird es allerdings recht schnell kommen müssen, denn ein Spieler wie Volland wird die nächste Saison zum Gradmesser nehmen. Nochmal Platz 8 nach zu vielen verkorksten Spielen wird keinesfalls nach seinem Geschmack sein…

Damit ist seine Vertragsverlängerung nicht nur ein glücklicher Umstand, sondern zugleich eine massive Herausforderung, vor allem auch, wenn man sich daran erinnert, wie grimmig Kevin Volland auf die letzten verlorenen Spiele reagiert hat. Die nächste Saison wird allein von daher wieder spannend werden – aber jetzt geht es erstmal in die verdiente fußballerische Ruhephase.

Wochenenden, wird man feststellen, können wohl oder übel auch anders verbracht werden als vor dem Fernseher. Nachdem unsere U-19 leider im Finale gegen Schalke unterlag, bleiben nur noch Relegation, Pokal- und Champions-League-Finale, dann müssen wir uns mit aufblasbaren Bällen am Strand und Transfergerüchten behelfen. Ach, was soll’s, so ein Sommer geht schnell vorbei!

Fotographie: Uwe Grün, Kraichgaufoto

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Alexander H. Gusovius