Ein Hoch auf uns…

Was für ein Spiel! Ein unglaublich hohes Tempo, Torchancen über Torchancen, wunderschöne Spielzüge, permanente Fan-Beschallung. Ein Wunder, dass die hochkarätige Partie nur 1:1 ausging, anders als die ebenfalls schon rauschhafte Begegnung vor drei Wochen im Pokal. Unschön dagegen: Pyrotechnik im Dortmunder Fanblock, erneut ein Portrait von Dietmar Hopp im Fadenkreuz, womit sich dann doch einmal der Staatsanwalt befassen sollte, und natürlich die üblichen üblen Gesänge.

normal_ug074_3056_020515Eigentlich müsste es außer den PS-Profis noch mehr Sympathisches aus Dortmund geben. Wenn man deren Auto-Sendung auf Sport1 schaut, scheint die ganze Gegend in und um Dortmund aus mehr oder weniger netten Menschen zu bestehen. Doch der Auftritt der BVB-Fans in der WIRSOL Rhein-Neckar-Arena sah anders aus. Darüber hinaus kam es nach dem Spiel zu einigen brutalen Szenen, im Fußgängertunnel neben der Arena, außerdem am Sinsheimer Kirchplatz und in der Nähe des Bahnhofs. Verletzte: einige! Darunter ein Polizist… Und leider wurden auch ein paar Hoffenheim-Fans zur Identitätsfeststellung vorläufig festgenommen.

normal_ug080_3090_020515Ach ja, bevor wir es vergessen – unschön war auch das „Tor“ von Mats Hummels. Nicht weil es ein Abseitstor war! Die TSG hat letzte Woche durch Modeste selber eines erzielt. Sondern weil das passive Abseits von Aubameyang auf groteske Weise unübersehbar war, anders als bei Modeste, dessen kleines Hochgeschwindigkeits-Abseits zu den gewöhnlicheren Umständen im schnellen Liga-Betrieb gehörte. Und weil Hummels, bevor er an den Ball kam, die halbe Hoffenheimer Defensive wie beim Bowling abgeräumt hat, was im Eishockey erlaubt ist, aber nicht im Fußball. Die Schiris (angeführt von Dr. Drees, dem wir unendlichen Dank schulden, weil er uns vor zwei Jahren in der Ersten Liga gehalten hat) litten offenbar unter einem kollektiven Regel-Aussetzer oder haben zu lang bei der Deutschen Meisterschaft der Adler zugeschaut – was schon wieder sympathisch wäre…

Aber damit soll es genug sein mit den hässlichen Seiten des Spiels – wenn man von Kehls immer brutaleren, hirnlosen Einsätzen absieht, der unter der Woche von Pep Guardiola völlig zurecht zurechtgewiesen wurde. Wenden wir uns darum lieber den schönen Dingen dieses Fußballnachmittags zu. Als da waren: Hochkonzentration, Hochgeschwindigkeit und Hochpräzision, und zwar im Spiel der TSG. Dass auch der BVB für seine Verhältnisse nicht schlecht gespielt hat, soll uns dabei nicht weiter interessieren.

Was uns umso mehr angeht, ist der Auftritt unserer Mannschaft, die ihr bislang bestes Spiel der Rückrunde, wenn nicht der ganzen Saison geboten hat. Hellwach wirkte sie, jederzeit gefährlich, nie lahm – und die Doppelspitze mit Szalai und Modeste war eine Offenbarung. Das hatte ja schon in Hannover nicht schlecht ausgesehen, trat aber gegen Dortmund erst richtig in Wert. Das gebetsmühlenartige Hinrunden-Credo, Modeste auswärts, Szalai bei Heimspielen einzusetzen und mit Firmino als echter 10 sowie Volland und Elyounoussi auf den offensiven Flügeln zu spielen, wirkte nicht annähernd so überzeugend wie diese beiden langen Kerls in der Sturmmitte zu positionieren und über lange Bälle und/oder Volland und Firmino über die Flanken samt den in der Mitte nachrückenden Sechsern und den ebenso nachrückenden Außenverteidigern für Druck zu sorgen.

Denn diese Aufstellung, die leider erst gegen Ende der Saison gefunden wurde, sorgt vor allem für eines: für Anspielbarkeit. In den Spielen davor tummelten sich derart viele Hoffenheimer in der Mitte, dass die TSG leicht auszurechnen, leicht zuzustellen, leicht abzulaufen und leicht auszukontern war. Und so häuften sich die Hoffenheimer Fehlpässe bis über die Schmerzgrenze. Fehlpässe diesmal: weitestgehend Fehlanzeige. Die Folge davon: Wunderschöne Angriffe wie jener, der zum 1:0 durch Volland führte.

normal_ug103_3259_020515Mit Toljan als rechtem Verteidiger war ein weiteres kreatives Element gefunden. Unglaublich, wie elegant und intelligent dieses junge Hoffenheimer Juwel spielt. Mit mehr Spielpraxis wird er bald zu einem der besten Außenverteidiger der Liga werden und ins Visier der großen Klubs geraten. Und Oliver Baumann hat uns gegen Ende der extrem spannenden Partie davor bewahrt, unglücklich zu verlieren. Seine Formkurve zeigt wieder nach oben, wie die der ganzen Mannschaft. Es wäre schön, wenn wir nach so vielen zögerlichen, verirrten, halbgaren Spielen noch mehr davon zu sehen bekämen!

Fotographie: Uwe Grün, Kraichgaufoto

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Alexander H. Gusovius