Den Bock nicht umgestoßen

Der Geißbock hatte doppelten Grund zur Freude. Erstens packte ihn Ujah diesmal nicht an den Hörnern, zweitens stieß die TSG ihn nicht um: Köln gewann schon zum zweiten Mal in dieser Saison gegen Hoffenheim.

Was war vor dem Spiel nicht alles gesagt worden! Kölns Trainer Stöger hatte sich bspw. listenreich als Bewunderer der Hoffenheimer Spielweise geoutet – mit so etwas pumpt man das Selbstbewusstsein eines Gegners bis zur Nachlässigkeit oder Überheblichkeit auf. Außerdem war allgemein viel von der großartigen Leistung der TSG bei der Pokalschlacht in Dortmund die Rede gewesen. Leider war von beidem nicht viel zu sehen.

Außer in den ersten paar Minuten. Da legte die TSG los wie die Feuerwehr und hätte schnell mit zwei Toren vorn liegen können. Mit dieser Methode, schwächeren Gegnern früh die Moral zu rauben, haben wir bislang viele der insgesamt noch nicht so vielen Punkte geholt. Köln jedoch überstand die furiosen Minuten – und ging dann geordnet ins Spiel. Während Hoffenheim irgendwie der Meinung zu sein schien, demnächst sicher wieder zu guten Torchancen zu kommen und das Versäumte eben dann nachzuholen.

Was sich als träumerische Hoffnung erweisen sollte, durchkreuzt sicher auch von einer taktischen Vorgabe. Denn nach dem Strohfeuer der frühen, vergebenen Chancen erinnerte sich die Mannschaft offenbar daran, dass sie geduldig sein und kontrollierte Pässe spielen sollte, um Köln nicht zu Kontern einzuladen. Das ging gleich doppelt schief – zum einen erwies sich unser Passspiel wie schon öfters alles andere als sicher. Zum anderen brauchte Köln gar nicht zu kontern, sondern musste in der 18. Minute in Gestalt von Osaka nur einem Befreiungsschlag hinterherlaufen. Bicakcic schätzte den Ball falsch ein, worauf es bei seinem Versuch des Ballstocherns im Sechzehner zu einer Art Foul kam, das mit einem Strafstoß geahndet wurde. Lehmann schoss scharf in die Mitte durch Baumanns Füße ins Tor.

Was danach bis zum Pausenpfiff geschah, wirkte wie ein Rückfall in alte Zeiten: Hoffenheim lief völlig neben sich her, die Mannschaft glich einem aufgeschreckten Hühnerhaufen. Nur dass kein Fuchs in Anmarsch war, sondern ein Geißbock. Anders gesagt erarbeiteten sich die vermeintlichen Kölner Defensivkünstler eine Chance nach der andern. Hoffenheim wurde hier und da auch gefährlich, kam aber an Torhüter Horn nicht vorbei oder blieb in der Enge der Kölner Defensive stecken.

Überhaupt war das der entscheidende Unterschied: Hoffenheim wurde offensiv extrem eng angelaufen und gedeckt, Köln spazierte munter durch unsere Reihen. Nach der Pause, soviel war klar, würde es zu gravierenden Änderungen kommen müssen. Kam es aber nicht, auch wenn Amiri kurz nach dem Wiederanpfiff durch Zuber ersetzt wurde und die TSG jetzt statt 4-3-3 zum 4-2-3-1 überging. Gleich darauf fiel auch das 2:0 für Köln, Ujah wurde unbedrängt steil geschickt und ließ Baumann keine Chance.

Wieder einmal hatte der Gegner uns einen Strich durchs taktische Kalkül gemacht. Statt hinten drin zu stehen, ließ sich Köln die herzliche Einladung zur Offensive nicht entgehen und griff im eigenen Stadion munter an. Wenn hier noch etwas helfen konnte, dann der Versuch, alles nach vorn zu werfen – sagte sich anscheinend auch Trainer Gisdol und wechselte in der 62. Minute Szalai und Modeste für Kim und Schippo ein, so dass Hoffenheim jetzt ein improvisiertes 3-2-3-2 spielte.

Durchaus mit offensivem Erfolg, vor allem Modeste wirkte agil und torhungrig und wurde in der 69. Minute im Sechzehner gelegt. Polanskis trockener Schuss in die Mitte machte noch einmal Hoffnung, zumal Köln jetzt nur noch neun Feldspieler hatte. Doch wenige Minuten später zeigte sich, dass ein Spieler mehr auf dem Platz kein Wert an sich ist. Entscheidend sind Wille und Ordnung – weshalb Hector als Symbol für die Kölner Willensleistung in der 78. Minute mutterseelenallein durch die halbe TSG marschierte und das 3:1 erzielen konnte.

Sky-Kommentator Fuss, der zuvor schon wenig Neutralität bewiesen hatte, entblödete sich daraufhin, ein verzückt-rauchiges „So wird Traditionsverein buchstabiert“ ins Mikro zu rufen. Schade, wir hatten ihn bis zu diesem Tag für einen der helleren Köpfe im Kreise seiner Kollegen gehalten.

Das 3:2 kurz vor Schluss war nur noch eine Ergebniskorrektur, Köln hatte völlig verdient gewonnen. Nach dem Spiel war darum viel Selbstkritik zu hören, die Spieler suchten nicht nach Ausreden, sie stellten sich der schwachen Gesamtleistung. Auch Trainer Gisdol ging ungewohnt hart mit seiner Mannschaft ins Gericht und sprach beim 3:1 sogar von einer „gerechten Strafe“.

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Alexander H. Gusovius