Trauer muss der Kraichgau tragen

Wie schade um dieses Spiel! Wie schade um die Nacht, ums Elfmeterschießen, um die Freude, um die Genugtuung – wie schade für die Mannschaft, die sich nach aufopferungsvollen 120 Minuten durch einen Sonntagsschuss von Oldie-but-Goldie-Kehl um den Lohn gebracht sah, um die Chance auf Berlin, auf einen Titel.

Es roch von Anfang an nach Krimi: Dortmund hatte die Heimniederlage gegen die Bayern im Nacken und überhaupt viel wiedergutzumachen. Hoffenheim hatte die Heimniederlage gegen Gladbach im Nacken und (nicht ganz so) viel wiedergutzumachen. Im Pokal konnte Dortmund einen Rest der verpatzten Ansprüche retten, Hoffenheim konnte mit dem erstmaligen Einzug ins Halbfinale quasi historischen Boden betreten. Und dann: Dortmund und Hoffenheim sind sich nicht gerade grün – und sind außerdem die beiden spielstarken Teams, die sich in dieser Saison am leichtesten verunsichern lassen und bislang mehr oder weniger klar unter ihren Möglichkeiten blieben.

Mit alldem war genau jene Prise Psycho-Würze ausgestreut, die Pokalfights noch unwiderstehlicher macht, als sie sowieso sind. Umso erstaunlicher war es, dass unsere Mannschaft derart souverän in die Partie ging und völlig abgeklärt wirkte. Anders als der BVB, der ähnlich nervös agierte wie schon die ganze Saison und Fehlpässe in Massen produzierte. Dabei machte sich das Fehlen von Reus und Hummels gar nicht so bemerkbar. Die gesamtmannschaftliche Struktur des BVB, einst der Garant für Erfolg, ist nur noch ein Schatten ihrer selbst.

Fussball: Bayer 04 Leverkusen - FCB, 07.05.2015Hoffenheim dagegen bekam durch die Rückkehr von Schwegler und Polanski und durch die Rückkehr zur Tripel-Sechs, also ein 4-3-3-System, viel Stabilität und ließ die konfusen Dortmunder anrennen. Es war reines Pech, dass nach einer Ecke das 1:0 für Dortmund fiel. Aber weil Volland fast im Gegenzug nach Ecke das 1:1 erzielte, hatte der BVB gar keine Zeit, sich auf der Siegerstraße zu wähnen, sondern war gleich wieder so verunsichert wie zuvor, allen voran Subotic, der dann einen leichten Ball verdaddelte und Firminos unwiderstehliches Solo samt Lupfer ins Tor ermöglichte.

Jetzt brauchte es „nur“ noch den dritten Hoffe-Treffer, und Dortmund hätte am Boden gelegen. Aber so ein Pokalabend ist natürlich kein Wunschkonzert, und Hoffenheim wollte wohl auch nicht zu viel riskieren und den BVB am Ende noch zu Kontern einladen. So blieb es beim 1:2 zur Pause. Den zu erwartenden Dortmunder Sturmlauf fing unsere Mannschaft nach dem Wiederanpfiff zunächst noch gut ab, war aber anscheinend so sehr aufs Durchwursteln geeicht, dass sie leider keine eigenen Akzente setzte und Dortmund dadurch immer stärker machte.

Das 2:2 in der 57. Minute war die logische Folge. Dortmund drückte weiter und wollte sich jetzt, von den 80.000 Zuschauern nach vorn gepeitscht, in einen Rausch spielen. Das gelang zwar nicht wirklich, reichte aber aus, die TSG weiter einzuschnüren, auch weil mit Toljan und Schwegler zwei der besten Hoffenheimer verletzt vom Spielfeld mussten. Bis in die Schlussphase gelang es unserer Mannschaft nicht, aus der selbstverordneten defensiven Spielkontrolle auszubrechen – bis Dortmund auf einmal nachließ und Räume öffnete, so dass es um ein Haar zum Sieg in den letzten Minuten gelangt hätte.

Fussball: Bayer 04 Leverkusen - FCB, 07.05.2015Die Verlängerung war kein reguläres Spiel mehr. Beide Mannschaften waren gerannt bis zum Umfallen und wirkten entsprechend geschlaucht, so dass Kehls Glücks- oder Meisterschuss in der 107. Spielminute die Partie entschied – flankiert von etlichen Dortmunder Mätzchen, die zu langen Spielunterbrechungen führten (und auch führen sollten) und durch die gewährten drei Minuten Verlängerung natürlich nicht angemessen ausgeglichen wurden. Das war einigermaßen unfair, lag aber auf der Linie des Publikums mit seinen Schmährufen gegen Dietmar Hopp. Wie es übrigens ebenfalls nicht fair war, dass Schiri Aytekin eine Serie gelber Karten gegen uns austeilte und die Dortmunder bei ähnlichen Aktionen weitgehend ungeschoren ließ und außerdem zweimal gegen uns auf Abseits erkannte, wo keines war.

Fussball: Bayer 04 Leverkusen - FCB, 07.05.2015Aber so ist das Leben, wenn man ein Hoffenheimer ist. Wir stehen nun mal unter besonders argwöhnischer Beobachtung, womit umzugehen wir gelernt haben, und unsere Sternstunden reichern wir nicht mit Mätzchen und Schmähungen an. Dafür haben wir gestern gesehen, was für ein Ausnahme-Fußballer Jeremy Toljan ist, nicht anders als Nadiem Amiri, die beide aus unserer Jugend kommen und uns noch viel Freude machen werden. Schade ist es um das Ausscheiden im Pokal trotzdem, und man darf traurig sein: Hoffenheim hat eine der besten Saisonleistungen gezeigt. Und diese Dortmunder waren schlagbar, was in vier Wochen, wenn der BVB bei uns zu Gast ist, unbedingt nachgeholt werden muss.

 

Fotos: dpa

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Alexander H. Gusovius