Der Eugen macht den Unterschied

Hoffenheims neuester Goalgetter heißt Eugen. Nachname Polanski. Der ehemalige Mainzer und polnische Nationalspieler im selbstgewählten Wartestand verkörpert in Hoffenheim die deutschen Tugenden: Fleiß, Willenskraft und Disziplin. Spiel für Spiel hat er sich nach vorn gearbeitet und erntet jetzt für seinen Verein die Früchte.

normal_ug150_3276_140315Wir sprechen hier wohlgemerkt nicht von einem unserer zahlreichen Stürmer, nicht von Szalai, Modeste oder Schippo. Wir sprechen von einem Sechser. Von einem, der eigentlich die Scharnierstelle bildet zwischen Defensive und Offensive, der das Spiel ordnet und antreibt. In letzter Zeit hat Polanski jedoch von Trainer Gisdol die Anweisung bekommen, öfter mal „in die Box“ zu gehen, sich also bei Gelegenheit im Strafraum zu tummeln, um dort für das überraschende Etwas zu sorgen. Und das tut der Eugen. Mit Bravour…

normal_ug014_2338_140315Gegen Hamburg hatte Polanski dazu sogar die Aufstellung im Rücken. Da Rudy und Schwegler diesmal die Doppelsechs ausfüllten, aber auf der linken Offensivseite weder Elyounoussi noch Zuber zur Arbeit gebeten worden waren, oblag es ihm, links für offensiven Druck zu sorgen und – was ihm im Blut liegt – nach hinten soweit wie möglich abzusichern. Wozu es jedoch kaum kam, so schwach war der HSV offensiv auf der Brust, schwächer als jede andere Mannschaft, die in dieser Saison in der WIRSOL Rhein-Neckar-Arena aufgelaufen ist.

normal_ug034_2492_140315Das Angriffspotential des HSV glich über weite Strecken des Spiels dem Imponiergehabe eines Eichhörnchens. Angesichts all der offensiven Zukäufe im letzten Sommer war die Hamburger Sturmabteilung sogar ein regelrechter Offenbarungseid, für den Trainer Zinnbauer kommenden Freitag vermutlich geradestehen muss, sollte der HSV zuhause gegen die Hertha aus Berlin den Kürzeren ziehen. Unwahrscheinlich ist dieses Szenario nicht, Hertha BSC hat unter Pal Dardai neuen Schwung bekommen.

Was immer die Hanseaten gegen Hoffenheim offensiv auf die Beine zu stellen versuchten, blieb also vorwiegend bereits im Spielaufbau stecken. Anders übrigens als Stuttgart, das gegen Leverkusen erst in Strafraumnähe strukturell einbrach, aber bis dahin richtig guten Fußball spielte. Sollten die Schwaben, vielleicht mit Glück, doch bald mal ein Spiel gewinnen, könnte sich der HSV recht schnell da wiederfinden, wo Stuttgart jetzt noch residiert: am Tabellenende.

So spannend die Lage im Tabellenkeller ist, so spannend gestaltet sie sich auch im oberen Drittel. Hoffenheim hat mit dem Sieg wieder Anschluss an die internationalen Plätze gefunden und formuliert inzwischen recht offen, dass man mehr will. Ist das durch die Partie gegen den HSV gerechtfertigt? Teils ja, teils nein. Wobei das ‚ja‘ überwiegt. Zwar tat sich die TSG nach dem Elfer in der 22. Minute, den Polanski eiskalt versenkte und der den Führungstreffer bedeutete, ziemlich schwer, gegen nur noch zehn Hamburger überzeugenden Druck aufzubauen. Aber Wolfsburg tat sich gegen Freiburg nach dem Führungstreffer auch nicht leicht und entschied das Spiel ebenfalls erst in der Schlussphase.

Außerdem behielt Hoffenheim den HSV weitestgehend unter Kontrolle und übte sich in konstruktiver Geduld. Viele Bälle, die sonst unkontrolliert ins Getümmel gespielt worden wären, gingen diesmal sicher von Mann zu Mann und ließen erahnen, dass Hoffenheim mehr kann als schnelle, unsichere Ballstaffetten und lange Bälle nach vorn. Vor allem jedoch ist zu sehen, dass die Mannschaft selber es will, dass sie nach Europa will, angeführt von Beck, Volland und Polanski, denen der ewige Talente-Status einfach nicht mehr reicht.

normal_ug126_3159_140315Natürlich, muss man fast sagen, war es Eugen Polanski, der in der 82. Minute den Sack zumachte und das 2:0 erzielte, bevor Volland in der 87. Minute das 3:0 Rudy auf den Fuß legte. Und weil Polanskis Ex-Klub Mainz die Freundlichkeit besaß, in Augsburg drei Punkte zu holen, ist nun das Rennen um Platz 6 wieder offen. Unsere Mannschaft kann und wird sich noch steigern, wenn sie ihren Anführern folgt und die vielen Talentlagen mit Willenskraft bündelt, während Augsburg auf der Zielgeraden etwas die Puste auszugehen scheint.

normal_ug168_3363_140315So weit, so gut, vermutlich. Etwas unkalkulierbar scheint dagegen die Frage, was es mit Trainer Gisdol und RB Leipzig auf sich hat. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt wirkt es nicht so, als könnte viel daran sein an Rangnicks Interesse an Gisdol, und man hat auch nicht den Eindruck, als würden die Offiziellen der TSG mehr wissen, als sie sagen – aber solche Dinge können im Fußball ja rasch Schnee von gestern sein. Oder eben ein Gerücht, das kurz aufflammte und rasch verflog. Oder man hält es mit Heribert Bruchhagen, der gestern im Doppelpass zum Besten gab, einfach jeder, auch er selbst, könne im Notfall ersetzt werden, man solle sich bloß nicht verrückt machen lassen.

Fotographie: Uwe Grün, Kraichgaufoto

Deine Meinung zum Artikel: