Hoffe zwo, Mainz keins

Hoffenheims erster Heimsieg gegen Mainz kam, wie jedes Spiel, erst nach zwei Halbzeiten zustande. Die beiden waren diesmal jedoch so grundverschieden, dass man sich ein paar Gedanken darüber machen kann – oder muss.

Erstmal tut der Dreier aber einfach nur gut. Das war auch der Tenor bei den Spielern, allen voran bei Kevin Volland, dessen Formkurve in letzter Zeit wieder deutlich nach oben zeigt. Mit dem Sieg ist der missglückte Start in die Rückrunde einigermaßen ausgeglichen, zugleich ist Augsburg in Schlagweite gerückt. Aber man soll sich nichts vormachen, hinter Hoffenheim lauern Bremen und Dortmund. Und nicht jeder zukünftige Gegner wird so gnädig sein wie Mainz, eine schlechte TSG-Halbzeit nicht für sich zu nutzen.

normal_ug024_9533_280215Man rieb sich ein paarmal die Augen in der ersten Halbzeit. Mal wegen der Verzagtheit der TSG, mal wegen der Mainzer Unfähigkeit, den Ball in die Maschen zu setzen. Oder handelte es sich dabei um Mainzer Verzagtheit vor dem Tor und um Hoffenheimer Unvermögen? Die Bilder ähnelten denen in Freiburg, Hoffenheim stand anfangs tief, wollte den Gegner empfangen, ihm den Ball abnehmen und ihn dann überrennen.

Leider klappte das Ballabnehmen nicht so richtig, die Mainzer Verteidiger wurden nicht genügend unter Druck gesetzt, und wenn der Ball doch mal in den Reihen der TSG zirkulierte, dann meist nicht lang. Die vielen Fehlpässe, die zu den häufigen Ballverlusten führten, waren allerdings nicht nur ein Ausdruck technischer Unsauberkeiten. Viel öfter waren sie eine direkte Folge mangelnder Abstimmung untereinander und unklarer Raumaufteilung. Einfacher gesagt ist es halt schwer, den Neben- oder Vordermann sauber anzuspielen, wenn man nicht sicher sein kann, wo der sich aufhält oder wohin er gleich läuft – umgekehrt natürlich auch.

normal_ug027_0675_280215Es herrschte, wie es aussah, eine gewisse Konzeptlosigkeit vor. Die Idee vom Spiel, an der man sich da erneut versuchte, passte irgendwie nicht. Das Mannschaftsgefüge geriet aus dem Tritt, die Zahnrädchen griffen nicht ineinander, es kam zu keinem Kraftfluss. Im Mittelfeld dominierte daher Mainz, das mit sicheren Ballstaffetten durch verstörend offene Räume immer wieder nach vorn kam und nur das Tor nicht traf. Umgekehrt wirkte Hoffenheim fast ratlos, auch offensiv, und war auf Einzelaktionen von Salihovic und Volland angewiesen, um überhaupt mal Gefahr anzudeuten.

normal_ug136_9758_280215Zu Beginn der zweiten Halbzeit ging es gerade so weiter. Mit viel Glück und dank eines glänzend aufgelegten Oliver Baumann konnte die Mainzer Führung aber gerade noch vermieden werden. Dann wendete sich das Blatt und zahlte sich endlich auch die Hereinnahme von Schwegler für Salihovic aus. Den Startschuss schienen allerdings die Mainzer selbst zu geben, durch das Auslassen ihrer Mega-Torchance. Denn von diesem Moment an gab die TSG ihre taktische Zurückhaltung auf und attackierte endlich früher und viel entschiedener, gestützt vom Mittelfeld mit den drei Sechsern Rudy, Polanski und Schwegler – was vielleicht ein Konzept für die Zukunft ist.

normal_ug073_1084_280215Und kaum geriet Mainz unter Druck, wackelte die bis dahin sichere Abwehr bedenklich. Und schon fiel das erste Tor für die TSG. Firmino halblinks mit dem Ball und halbrechts Volland sprinteten nach Balleroberung unwiderstehlich bis an die Strafraumkante, Firmino hob trotz des fulminanten Laufs zweimal den Kopf und spielte passgenau zu Volland herüber, der den Ball wuchtig und knapp neben den Pfosten ins Tor jagte. Volland ballte danach die Faust und schrie seine Freude heraus, seinem Gesicht war abzulesen, was er von dieser Art Fußball hielt: sehr viel! Das war jetzt TSG-pur, die Mannschaft war bei sich angekommen und spielte von nun an, indem sie ihren Instinkten folgte.

normal_ug119_9626_280215Mainz geriet in dieser Phase des Spiels nahezu unter die Räder. Das zweite Tor, das auf Mainzer Seite spürbare Melancholie über die Vergeblichkeit alles Tuns und Trachtens an diesem Nachmittag aufkommen ließ, war darum nur noch eine Frage von Minuten und wurde auch noch von Polanski nach einer schönen, wenn auch leicht abgefälschten Flanke von Beck über die gesamte Abwehr hinweg erzielt. Kam hinzu, dass Mainz um einen Handelfmeter gebracht wurde. Bicakcics Ellenbogen war im Strafraum mit dem Ball in Berührung gekommen und hatte, von Schiri Sippel nicht geahndet, dessen Flugrichtung aktiv verändert.

Insgesamt war dieser Sieg also nicht vollauf verdient, ein Remis hätte den Verlauf der zwei Halbzeiten besser wiedergegeben. Das Fazit: Hoffenheim sollte, um die zukünftigen Siegchancen zu erhöhen, öfter so entfesselt spielen wie in der zweiten Halbzeit, am besten immer zwei Halbzeiten lang. Morgen im Pokal gegen Aalen und am Wochenende auf Schalke wird sich zeigen, ob die Entwicklung dahin geht oder ob taktische Vorbehalte weiter die Spielfreude dämpfen.

P.S. Die familiären Verhältnisse des Autors haben übrigens keinerlei Schaden genommen, das Verhältnis zwischen Mainz-Schwester und Hoffenheim-Bruder ist ungetrübt. Dem Vernehmen nach kommt man in Mainz ganz gut mit knappen Niederlagen zurecht, wenn gegen gleichstarke Mannschaften gespielt wurde. Richtig grämen tun sich die Mainzer erst, wenn sie um ein Haar gegen Mannschaften aus den oberen Tabellenregionen verlieren. Oder gegen Frankfurt. Letzteres geht gar nicht, egal wie. Was auch aus Hoffenheimer Sicht verständlich ist…

Fotos: Uwe Grün, Kraichgaufoto

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Alexander H. Gusovius