Ruuuuuuuuuudy!

Es gab schon Spiele, in denen Sebastian Rudy selber den Weckruf nötig zu haben schien, mit dem er Hoffenheim jetzt aus dem Winterschlaf geholt hat. Vom Bankdrücker zum Matchwinner: So schön kann Fußball sein. Vor allem, wenn ein Spiel in der 93. Minute klargemacht wird. Und das in einem Derby. Gegen Stuttgart…

Der VfB war angetreten, die Null zu halten. Entlang der robusten Fußball-Philosophie von Huub Stevens stand Stuttgart hinten stabil, ohne vorn viel ausrichten zu können. Aus Sicht der Schwaben, die in der Hinrunde eine desolate Defensivleistung gezeigt hatten, ist die Handschrift des Knurrers aus Kerkrade trotzdem ein Schritt nach vorn. Wenn der nächste Schritt eine deutliche Verbesserung der Offensive bringt. Sagt auch Karlheinz Förster, früher als „Treter mit dem Engelsgesicht“ bekannt, einer der besten Verteidiger, die Stuttgart je hatte. Ein Badener.

normal_ug092_7714_140215Aber zerbrechen wir uns den Kopf nicht über den VfB, für den es offenbar immer enger wird in Sachen Abstieg. Immerhin war es auch für uns erst der erste Dreier im neuen Jahr, und eine weitere Niederlage hätte die TSG-Fans und wohl auch die Verantwortlichen arg ins Grübeln gebracht. Dass es nicht so weit kam, war aber nicht allein Rudy zu verdanken. Es war ein Verdienst der ganzen Mannschaft.

normal_ug104_7782_140215Von der ersten Minute an konnte man sehen, dass sie alles, aber auch alles aufzubieten bereit war, um nicht schon wieder als Verlierer vom Platz schleichen zu müssen. Die Laufbereitschaft aller Spieler war exzellent. Dabei hatte sie einige Umstellungen zu verdauen: Polanski fehlte wegen seiner fünften gelben Karte in Wolfsburg, Szalai und Zuber hatten die Grippe, Strobl war verletzt. Damit rückten Amiri, Rudy und Schipplock in die Mannschaft, die in variablen Systemen unterwegs war, mal im stabilen 4-4-2-Verbund mit Firmino und Schippo vorn, mal im 4-1-4-1-Verbund in offensiver Rautenformation, um Stuttgart wahlweise zu stoppen oder unter Druck zu setzen.

normal_ug050_7359_140215Das klappte in der ersten Halbzeit leidlich. Der VfB war gegen die schnellen Ballstaffetten der TSG gut gerüstet, schaffte es seinerseits aber kaum, gefährlich vor Baumanns Tor zu kommen. Eine halbe Stunde lang wollte beiden Mannschaften wenig einfallen, die engen Mittelfeldverhältnisse taktisch aufzubrechen und das Spiel an sich zu ziehen. In solchen Situationen sind ruhende Bälle, vor allem Freistöße, besonders beliebt, von denen Stuttgart dank eines nervenschwachen Schiedsrichters denn auch überproportional viele bekam. Aber die TSG zog in der 30. Minute als erste den Nutzen aus einem ihrer selteneren Standards, Firmino versenkte den Ball im Strafraumgetümmel nach einem Schwegler-Freistoß mit einem scharfen Schuss im Netz.

normal_ug054_1882_140215In der 39. Minute zog der VfB nach – bzw. profitierten die Schwaben bei einem ihrer wenigen, eher Mitgefühl erregenden, schlecht koordinierten Angriffe ebenfalls von einem Freistoß bzw. auch von Bicakcic, der sich kampfesfroh wie immer in den anschließenden, gut gemeinten, aber haltbaren Schuss warf bzw. von Sakai so scharf angeschossen wurde, dass Baumann den daraus resultierenden Querschläger nicht mal dann hätte halten können, wenn er einer der Superhelden „The Fantastic Four“ und sein Arm gummiartig meterweit dehnbar gewesen wäre.

Die zweite Halbzeit gestaltete sich ähnlich zäh, mit viel Kampf, mit vielen Mittelfeldduellen. Es fehlte entweder an zündenden Ideen oder an der nötigen Passsicherheit. Als Salihovic nach zehn Minuten für Amiri kam, lief es bei der TSG kreativ besser. Und auch Modeste sorgte für mehr Zug nach vorn, als er Schipplock ersetzen durfte. Doch von manchen halbguten Gelegenheiten abgesehen, mündete der zunehmende Druck nicht in brennende Torgefahr – während der VfB umgekehrt überhaupt nicht mehr gefährlich wurde.

normal_ug096_7747_140215Es brach die Nachspielzeit an, Stuttgart wähnte sich mit dem Unentschieden am Ziel, während Hoffenheim immer noch nicht einsehen wollte, dass man im neuen Jahr weiter sieglos bleiben sollte. Ein eher sinnfreier Hackentrick von Modeste brachte den VfB in Ballbesitz, doch die Stuttgarter Spieleröffnung wurde unterbrochen, Volland trieb den Ball energisch voran. Im genau richtigen Moment spielte er nach rechts, in den Lauf von Ruuuuuuuuuudy, der eiskalt knapp an Ulreich vorbei einschob.

normal_ug135_8001_140215Die WIRSOL Rhein-Neckar-Arena glich im selben Moment einem Tollhaus. Statt in der letzten Minute ein Tor zu kassieren, früher eine TSG-Spezialität, sicherte sich Hoffenheim den verdienten, ersten Rückrundensieg. Unten auf dem Rasen wurde Rudy unter einer Menschtraube begraben, bestehend aus sämtlichen Spielern, Ersatzspielern und Betreuern. Man musste befürchten, dass er noch schmaler als sonst darunter hervorkommen würde, stimmte aber kurze Zeit später mit kräftiger Stimme vom Südkurven-Zaun herab „gib mir ein H“ usw. an.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Der Sieg war nicht unverdient, wie gesagt. Zurückzuführen ist er im letzten auf den erkennbaren, unbedingten Willen der Mannschaft, die auch in der Spielertraube nach Rudys Tor ein Bild höchster Stimmigkeit und Geschlossenheit abgab. Und genau auf dieser Basis kann das am Wochenende folgende Derby in Freiburg ebenfalls positiv gestaltet werden.

 

Fotos: Uwe Grün, Kraichgaufoto

Deine Meinung zum Artikel:
Alexander H. Gusovius