Mit leeren Händen…

Es ist der vermutlich am häufigsten geäußerte Satz nach der verlorenen Partie in Wolfsburg: „Und trotzdem stehen wir mit leeren Händen da.“ Gemeint ist: 1899 Hoffenheim hatte eine gute zweite Halbzeit gespielt und gab insgesamt deutlich mehr Torschüsse als Wolfsburg ab, ging jedoch als klarer Verlierer vom Platz.

Tatsächlich hätte Hoffenheim das Spiel drehen können – nachdem Wolfsburg in der ersten Halbzeit das Spiel beherrscht hatte und mit 2:0 vorn lag. Bis dahin spielten die Wölfe einen überragenden Fußball, dem Hoffenheim wenig entgegenzusetzen wusste. Nach allgemeiner Übereinstimmung wurden die beiden Tore in dieser Phase viel zu einfach eingefangen. Und nach vorn gelang wenig, die TSG-Aktionen wirkten hektisch und ziellos. Es lief denkbar wenig zusammen.

Aber man muss sich die Wolfsburger Mannschaft nochmal hersagen, um ein Gespür dafür zu bekommen, mit wem wir es am Samstag zu tun hatten: Benaglio, Vieirinha, Naldo, Knoche, Rodriguez, Arnold, Gustavo, Caligiuri, de Bruyne, Schürrle, Dost. Das liest sich wie aus einem Guss, die Liste ist wirklich beeindruckend. Kein Wunder, dass Wolfsburg in dieser Saison wieder ganz oben mitmischt und zum Sprung auf jene Ligaposition ansetzt, die Dortmund so gründlich vergeigt hat.

2.bildMit ihrem Neuzugang Schürrle haben die Wölfe nach dem tragischen Verlust von Malanda einen teuren, aber richtig guten Griff getan. Er war nicht nur an allen Toren mittelbar oder unmittelbar beteiligt, sondern hat auch Pässe übers halbe Spielfeld geschlagen, exakt in den Lauf des Mitspielers. Da war so schön, dass man mit der Zunge hätte schnalzen können, wären es nicht zugleich Pässe über unsere halbe Mannschaft hinweg gewesen, in gefährlich freie Räume hinein. Und die Rudelführer der Wölfe, Allofs und Hecking, sind auch noch grundsympathische, hochseriöse Leute, völlig frei von Allüren und jedem Star-Gehabe.

Seien wir ehrlich – das ist ein Paket, das so schnell keiner aufschnürt; mit diesem Kader und in dieser Verfassung schlägt sich Wolfsburg am ehesten selbst. Was am Samstag auch beinahe geschehen wäre, als die Wölfe selbstzufrieden aus der Halbzeitpause kamen und die zweite Hälfte erkennbar zu locker angingen. Umgekehrt hatte sich Hoffenheim in der Kabine vorgenommen, noch einmal alles zu versuchen. Die Räume, die Wolfsburg nachlässig anbot, wurden von unseren ja auch nicht gerade namenlosen Angreifern sofort genutzt – und auf einmal brannte die Luft im Wolfsburger Strafraum.

Normalerweise wäre es ein leichtes gewesen, die rasch verunsicherte Wolfsburger Abwehr jetzt zu überwinden. Doch nach zwei verlorenen Partien und all der ziellosen Betriebsamkeit in der ersten Halbzeit kam die Mannschaft von der Hektik nicht los, die sie erfasst hatte, und vergab deshalb eine Chance nach der anderen: Riesenchancen, die normalerweise nicht ungenutzt bleiben…

Aber was ist schon normal, wenn man den Rückrundenauftakt so gründlich verschlafen hat, im dritten Spiel gleich wieder mit zwei Toren hinten liegt und einfach keine Struktur ins eigene Spiel bekommt. Wie angespannt die Nerven aus allen diesen Gründen waren, zeigte sich auch an Nadim Amiri, den Markus Gisdol als Debütanten auf der rechten Seite aufgeboten hatte. Er spielte nicht schlecht – aber dass er auflaufen durfte, wirkte wie ein Selbstzitat der wagemutigen Nominierung von Süle und Szarka im Angesicht des drohenden Anstiegs vor knapp zwei Jahren. Dadurch rückte Volland in die Sturmmitte, während die großgewachsenen, etatmäßigen Stürmer Modeste und Szalai auf der Bank schmorten.

Modeste kam zwar noch zum Zug, vergab aber selber eine der Riesenchancen. Zuber für Elyounoussi, die andere Einwechslung schon zur Halbzeitpause, war da von größerem 2a0c45894595847c89b22bd6826f88b4_550x360Gewicht, wenn man an die nächsten Spiele denkt – die unbedingt gewonnen werden sollten, um nicht demnächst vom gerade noch gehaltenen siebten Tabellenplatz schmerzhaft tief nach unten durchgereicht zu werden. Zuber also war eine regelrechte Offenbarung mit seinen kraftvollen und entschiedenen Dribblings auf der linken Seite. Er verkörperte jenes zwingende Element, das unserer Mannschaft in dieser Saison immer mehr fehlt.

Als die Schiedsrichter dann noch zweimal einen klar fälligen Strafstoß verweigerten, wäre mal wieder Gelegenheit gewesen, eines der wundersamsten Fußballzitate aller Zeiten anzubringen: „Zuerst hatten wir kein Glück, und dann kam auch noch Pech dazu“ (Jürgen Wegmann). Aber wie es so geht im Fußball, rächte sich das Auslassen der auch ohne Schiedsrichterfehler herausgespielten Chancen irgendwann und erzielte Wolfsburg das dritte Tor. Gegen Stuttgart daheim steht die TSG damit auf dem Prüfstand ihrer selbst und muss dringend drei Punkte einfahren. Für die Schwaben kommt die Verunsicherung einer Einladung gleich, ihrer bislang desolaten Saison die entscheidende Wende zu geben. Aber das wird Hoffenheim nicht zulassen, oder?

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