Und jährlich grüßt das Murmeltier

Vielleicht waren wir alle wieder mal etwas zu euphorisch. In den Fan-Foren wurde schon viel und heiß über Europa diskutiert, die sportliche Leitung sprach gern von der zweitbesten Hinrunde aller Zeiten und die Kommentare der Spieler ließen erkennen, dass man sich in der Tabelle zuversichtlich nach oben orientierte. Man müsse sich eben nur ein kleines bisschen mehr konzentrieren, um die große Qualität der Mannschaft in noch mehr Punkte umzusetzen… Und in Wirklichkeit? Kam es nach großartiger Vorbereitung zu einem klassischen Rückrunden-Fehlstart. Erst die Niederlage in Augsburg, jetzt kein Punkt zuhause gegen Bremen.

War’s das mit der Saison? Ich glaube nicht. Die TSG hat schließlich immer schon ihre Probleme damit, wenn es mal eine Zeitlang gut bis sehr gut läuft. In solchen Momenten kehrt zuverlässig ein gewisser Übermut ein, gern werden hier und da Punkte hergeschenkt, was der Selbstüberschätzung noch nicht schadet; bis irgendwann eine schwarze Serie beginnt, die klar macht, dass man etwas zu hoch gegriffen hatte und dringend wieder Boden unter den Füßen braucht. Das ist der Moment, in dem die Realität die Träume besiegt und 1899 Hoffenheim aufbricht zu neuen glanzvollen Taten, bis wieder…

Wie gesagt: Es sind alle daran beteiligt, die Fans, die Spieler, die Verantwortlichen. Das lustvolle Träumen und Abheben, das schmerzhafte Realisieren und Neustarten sind stabile Elemente des Fußballs Marke Hoffenheim. Wenn man sich die Umgebungsdaten der TSG anschaut, ist das auch kein Wunder. Der überragende Start in die Bundesliga 2008 hat eine enorme Erwartungshaltung und Begeisterungsfähigkeit geschaffen, die von Ausnahmespielern wie Eduardo und Gustavo oder Volland und Firmino immer wieder gefüttert wird. In glanzvollen Augenblicken spielt Hoffenheim dann tatsächlich begeisternden Fußball, kann das Niveau aber nicht halten, weil Mannschaft und Verein noch zu jung sind und sich allein von daher Schwankungen nicht vermeiden lassen. In der Summe führt das zu den bekannten Pegelausschlägen – sodass wir jetzt eben mal wieder einen Dämpfer in der Erwartungshaltung akzeptieren müssen. Es wird entscheidend sein, wie schnell sich alle Beteiligten darauf einzustellen vermögen.

Gegen Bremen war zu sehen, deutlicher als gegen Augsburg, dass 1899 Hoffenheim tatsächlich über viel Qualität verfügt. Das war insofern schon eine Steigerung, an der man sich für die kommenden Spiele auch orientieren kann. Nur fehlte es sichtbar an Klarheit und Frische, an Konstanz und klugem Einteilen der Kräfte. Das Miteinander der Mannschaftsteile wirkte hakelig und brach vollends auseinander, als Schwegler den Platz verließ. In den 25 Minuten vor der Pause spielte Hoffenheim jedoch wie aus einem Guss und nahm Bremen regelrecht auseinander, brachte es aber nur zu einem Tor nach ruhendem Ball, bezeichnenderweise von Abwehrspieler Bicakcic erzielt. Ein Feldspieltor gelang nicht.

Hoffenheim spielt immer dann herausragend, wenn der Gegner förmlich demoralisiert wird. Setzt er entschieden dagegen (wie Bremen in der zweiten Halbzeit und Augsburg über 90 Minuten), ist bald nur noch viel gute Absicht zu erkennen – und herbes Enttäuschtsein darüber, dass nichts gelingt. Die Aktionen werden dann immer fahriger, die langen Bälle nach vorn nehmen zu und bringen wenig ein. Das Gesamtgefüge der Mannschaft, die nicht versteht, warum sie ihr Potential nicht realisieren kann, zerlegt sich in ratlose Einzelteile.

In den nächsten Wochen wird hier die entscheidende Baustelle sein, sonst rutscht Hoffenheim in die untere Tabellenhälfte ab. Und wir sind alle gefordert, dem Murmeltier über seinen jährlichen Hänger hinauszuhelfen und das fußballerische Frühjahr vor dem kalendarischen Start zu beginnen.

Fotos: Uwe Grün, Kraichgaufoto

 

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Alexander H. Gusovius