Jan Mayer

Undercover Agent

Hoffenheims Sportpsychologe, Prof. Jan Mayer, im Portrait

Von Prof. Jan Mayer, Hoffenheims Sportpsychologen, hört und sieht man wenig. Mediale Selbstdarstellung ist seine Sache nicht, lieber arbeitet er effizient im Hintergrund. Das liegt nicht zuletzt an frühen, zwiespältigen Erfahrungen mit der Presse, hat aber noch mehr damit zu tun, wie er sich und seinen Beruf versteht. Für den Hoffenheimblog hat Jan Mayer eine Ausnahme gemacht und in einem langen Gespräch Auskunft über sich und seine Arbeit bei der TSG gegeben.

Mit Lächeln bezeichnet Jan Mayer sich als Undercover Agent – und will damit deutlich machen, dass er als Psychologe vom Vertrauen und der Diskretion lebt, die er gegenüber Sportlern und Verantwortlichen aufbaut und pflegt. Das hat ihn die langjährige Erfahrung mit insgesamt 20 Nationalmannschaften gelehrt, von rhythmischer Sportgymnastik über Eishockey bis hin zu Sportschießen oder Boxen. Und als Undercover Agent fühlt er sich sichtbar wohl; Jan Mayer gehört zu der Sorte Mensch, die sich tief in die Arbeit eingräbt und entlang von Inhalten und Ergebnissen denkt. Auf der großen, auch inszenierten Bühne der Bundesliga mit ihren grellen Scheinwerfern und einer Vielzahl von medialen Nebengeräuschen tritt er so selten auf, wie es nur geht. Dieser Professor ist angenehm uneitel.

Drei Tage pro Woche ist er in Zuzenhausen und Hoffenheim präsent, ein Tag gehört dabei der U-23, ein Tag der Jugendakademie, einen Tag widmet er den Profis. Im Prinzip; denn wenn es nötig ist, verlagert er die Schwerpunkte dorthin, wo es brennt, wie Ende letzter Saison, als die TSG gegen den Abstieg spielte. Dann fokussiert er seine beratende, psychologische Expertise auf den einen großen Problemfall. Übers Jahr gleichen sich solche Verlagerungen aus, so dass jede Mannschaft versorgt ist und im Notfall auch volle Zuwendung erhält. Wesentliche Arbeitsgrundlage ist ohnehin die ausgedehnte Beobachtung von Training und Spiel, das übergreifende Coaching, die dauerhafte Begleitung des ganzen Hauses, bis hin zur Geschäftsleitung.

Der Vorteil und der Reiz von Jan Mayers Beschäftigung mit vier Hoffenheimer Mannschaften von der U-17 an aufwärts liegt darin, dass er die Spieler langfristig aufbauen helfen kann und manche von ihnen schon über Jahre begleitet, z. B. Niklas Süle. Den ebenso wuchtigen wie wendigen jugendlichen Innenverteidiger hat er früh kennengelernt. Oder Sebastian Rudy, den kennt er schon aus gemeinsamen Zeiten bei der U17-Nationalmannschaft. Diese langjährige Kenntnis bedeutet natürlich einen enormen Vorteil für die psychologische Praxis. Bei der es ein paar Missverständnisse gibt, die Jan Mayer im Gespräch gleich ausräumt. In seiner Hoffenheimer Tätigkeit geht es vor allem um mentale Fitness, um Leistungsfähigkeit im Kopf. Er hat keine Kompetenz für Probleme, die in die medizinische Psychologie oder Psychiatrie gehören – und ist auch kein Psychotherapeut. Sollten in solchen Bereichen Probleme auftreten, gibt es eine enge Anknüpfung ans Heidelberger Uni-Klinikum. Was Jan Mayer im Blick hat, ist die Ausbildung kognitiver Fertigkeiten. Daran arbeitet er, um die Spieler zu befähigen, „ihr Potential auf den Rasen zu bringen“. Dazu gehören bspw. die Steigerung ihrer Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit und die Steigerung des Wahrnehmungsvermögens: mithilfe computergestützter Verfahren, von der SAP bereitgestellt.

Essentiell ist auch die Pflege einer Art Selbstgespräch, was zunächst etwas merkwürdig klingt und psychologisch „inner talk“ genannt wird – der die Spieler aber dazu bringt, von sich überzeugt zu sein, wenn sie den Rasen betreten: „Alles ist da, ich brenne jetzt mein Feuerwerk ab!“ Um das zu erreichen, müssen die Spieler reale Situationen völlig verinnerlicht haben, müssen sie immer wieder im Kopf durchspielen und sich ihrer verbal, im „inner talk“, versichern. Das Wichtigste ist also, psychische Hemmschwellen abzubauen, um später im Spiel keine Zweifel aufkommen zu lassen. Der psychologische Begriff dafür lautet „Selbstwirksamkeitsüberzeugungen schaffen“. Grundsätzlich können Zweifel an den eigenen Fähigkeiten produktiv sein, aber nicht während eines Spiels. Wenn die Spieler da nicht überzeugt sind, das Richtige zu tun und zu können, geht die Leistungskurve nach unten.

Was hat Jan Mayer eigentlich gelernt, um heute als Sportpsychologe zu arbeiten? Erst hat er ein Sportstudium im Hauptfach absolviert, danach noch ein Diplomstudium der Psychologie drangehängt. So jung und unverbraucht, wie er wirkt, scheint er hohe Belastungen gut wegstecken zu können; immerhin ist er inzwischen auch Professor an der Sporthochschule Saarbrücken und bricht nach unserem Gespräch am späten Nachmittag eilig nach Heidelberg zum Olympiastützpunkt Rhein-Neckar auf, für den er ebenfalls tätig ist. Und für die Golfer in St. Leon-Rot ist er auch noch zuständig. Lenken solche weiteren Beschäftigungen nicht vom Fußball ab? „Im Gegenteil“, erwidert Jan Mayer, „der Bilderwechsel tut gut – gerade in der schillernden Welt der Bundesliga. Ein Schwimmer, der fünfmal in der Woche zehn Kilometer schwimmt und nebenher ein volles Studium absolviert, öffnet die Augen für die Kernrealität des Sports.“

Gerät man bei so viel Erfahrungshintergrund nicht in Gefahr, mit standardisierten Lösungen zu hantieren, also den Einzelfall und seine Besonderheit zu verfehlen? „Gerade wenn man viel Expertise hat und denkt, dass man was erreicht hat“, sagt Jan Mayer, „muss man besonders sorgfältig sein.“ Das führt dazu, dass er bei Fragen der Trainer keine vorgefertigte Antwort anbietet, sondern den Fragekomplex oft erst durchdenkt und dann vertieft zu beantworten versucht. Ähnlich vorsichtig geht er mit Typisierungen von Spielern um. „Man kommt damit nicht weit, jeder Spieler ist anders, es gibt enorme individuelle Unterschiede. Bei Typisierungen ist die Gefahr von Fehleinschätzungen einfach zu groß. Es gibt heftig tätowierte Spieler, die so wirken, als ob sie mit Psychologen nichts anfangen könnten. Aber dann sind es manchmal genau solche Spieler, die von allein zu mir kommen und tiefschürfende Fragen stellen.“

Das Wichtigste im Sport und auch im Fußball ist es, den Verstand im richtigen Moment ausschalten zu können. Dabei gibt es Naturbegabungen. Nachdem im entscheidenden Spiel der vorletzten Saison, am letzten Spieltag gegen Dortmund, Sejad Salihovic zwei Elfmeter jeweils unter die Latte gesetzt hatte, fragte ihn Jan Mayer im Anschluss: „Sali, ich bin Psychologe, ich hätte gern gewusst, wie das geht!“ Salis Antwort: „Darfst dabei nichts denken.“ Die psychologische Erläuterung von Jan Mayer: „Wenn man sportliche Spitzenleistungen bringt, kommt es zu einer linkshemisphärischen Deaktivierung. Problemorientiertes Denken und lösungsorientiertes Analysieren sind dann herabgefahren. Es gibt nur noch Emotionen, die Wirkung erzeugen. Anders gesagt können beim Eingreifen des Verstands Automatismen, die über Jahre hinweg eingeschliffen sind, empfindlich gestört werden.“

Die Sportpsychologie wurde in den letzten Jahren erst olympisch angeschoben, dann durch Jürgen Klinsmann im Fußball salonfähig. Inzwischen ist zur Lizenzierung von Fußballvereinen die Festanstellung eines Psychologen in Leistungszentren sogar vorgeschrieben. Dabei unterstützt die Sportpsychologie einerseits die menschliche Entwicklung junger Sportler samt deren beruflicher Weiterbildung, andererseits verschärft sie aber auch den Leistungsgedanken und das Konkurrenzdenken. Jan Mayer hat mit letzterem kein Problem, weil er weiß, dass Höchstleistungen ohne Freude am Tun gar nicht zu erbringen sind. „Beim Schießen eines Tors denkt man nicht an Geld. Die Emotion steht im Vordergrund. Wer nur an Werbeverträge denkt, lässt in der Leistung nach.“ Außerdem, sagt er, müssen im Sport Belastungen und Regeneration sensibel kombiniert werden, Dauerstress schadet, Spitzenleistungen sind ohne Ruhephasen und Spaß nicht möglich. „Und für die Zeit nach dem Sport hilft das Vertrautsein mit Leistungszusammenhängen sehr. Manchen Firmen sind sportliche Erfahrungen wichtiger als Noten.“

Sieben Bundesliga-Trainer hat Jan Mayer inzwischen erlebt – oder überlebt? Seine Tätigkeit in Hoffenheim, die er seit sechs Jahren ausübt, wird jedenfalls geschätzt. Umgekehrt schätzt auch er die TSG: „Was Dietmar Hopp hier angestoßen hat, ist beeindruckend. Der Verein bietet perfekte strukturelle Gegebenheiten und großartige Sportanlagen. Manchen Spielern wird erst nach dem Verlassen des Vereins bewusst, wie einmalig die Verhältnisse hier sind. “

Text: Alexander H. Gusovius
Foto: Uwe Grün

Deine Meinung zum Artikel:
460748738
normal_ug003_8055_260115

1 Comment