Die Heimkehr des Sejad Salihovic

Es gehört zu den bewährten Strategien im Fußball, Spieler gegen ihre Ex-Klubs auflaufen zu lassen. So geschehen gestern in Berlin, als Salihovic nach langer Verletzungspause und viel Bankdrücken auf einmal wieder in der Startaufstellung stand. Zuber und Elyounoussi hatten zuletzt zwar nicht vollends überzeugt und damit den Weg für ihn sozusagen unfreiwillig freigemacht, aber jenes emotionale Motivations-Extra, das in Salis Auftritt gegen den früheren Verein lag, war sicher ein erwünschter Nebeneffekt.

Allerdings ist es eine Weile her, dass Sali für Hertha BSC die Stiefel geschnürt hat. Schließlich kam er schon zu Drittligazeiten nach Hoffenheim, von wo man ihn deshalb auch kaum mehr wegdenken kann. Und so war seine Heimkehr nach Berlin, wo er den größeren Teil seiner Kindheit verbrachte und das Fußballspielen erlernt hat, irgendwie zugleich eine Heimkehr nach Hoffenheim, zurück in die Mannschaft. Mit zwei verwandelten Elfmetern und der Beteiligung an zwei weiteren Toren hat er den emotionalen Hintersinn seines Einsatzes denn auch mehr als erfüllt.

Früher, als 1899 noch permanent in die Offensive ging und andauernd in den gegnerischen Strafraum eindrang, gab es ziemlich viele Elfmeter für uns. Salihovic hat sie (fast) alle sicher verwandelt und sich besonders vor anderthalb Jahren in Dortmund ewigen Ruhm erworben, als er zwei Strafstöße zum späteren Klassenerhalt eiskalt in die Maschen setzte. Als zuletzt Rudy einen der wenigen Elfer vergeigte, die der gebremsten Hoffenheimer Offensive inzwischen noch zugesprochen werden, hat man Sali schmerzlich vermisst – wie auch bei Freistößen.

Doch gestern, als es mal wieder zwei Strafstöße für uns gab, war Sali pünktlich zurstelle. Es war ein Genuss, ihm bei der Umsetzung zuzuschauen. Scheinbar stoisch und völlig unbeteiligt legt er sich den Ball mit halb gesenktem Blick auf den Elfmeterpunkt hin, ohne jeden Schnickschnack, geht dann zwei, drei Schritte zurück und wartet gleichmütig auf den Pfiff des Schiris, der den Ball freigibt. Wer das öfter gesehen hat, weiß aber, dass Sali alles andere als unbeteiligt oder gleichmütig ist. Stattdessen befindet er sich vom ersten Moment an bereits „im Tunnel“, also in einer Art Tiefenkonzentration oder innerer Versenkung, was das Stoische erklärt.

Wenn er anläuft, was bei der Kürze des Wegs kein lesbarer Vorgang ist, hat er innerlich den Elfmeter gewissermaßen längst geschossen, er führt ihn nur noch aus, in der Regel scharf und platziert. Als ihn Hoffenheims Sportpsychologe Prof. Jan Mayer nach dem legendären Dortmunder Doppel-Elfer gefragt hat: „Sali, ich bin Psychologe, ich hätte gern gewusst, wie das geht“, lautete Salis bezeichnende Antwort: „Darfst dabei nichts denken.“ Für die gegnerischen Torhüter mündet so etwas in der Regel in völlige Hilflosigkeit. Sali sucht sich keine Ecke aus und unternimmt auch sonst nichts, das ihnen den geringsten Hinweis darauf liefern würde, wohin er schießen wird.

Sali hat gestern auch nicht schlecht gespielt. Und es war interessant, ihn als Teil einer völlig anderen Mannschaft zu erleben. Früher war er Takt- und Ideengeber einer stürmischen Truppe, die heute viel organisierter auftritt und mit Firmino und Schwegler eine neue Schaltzentrale hat. Auf der linken Seite, wo Sali sich zumeist aufhielt, war jedoch zu ahnen, dass ihm ein zweiter Frühling bevorstehen könnte. Er agiert weniger fleißig und zielstrebig als Elyounoussi oder Zuber, weshalb ihn mancher vielleicht schon abgeschrieben hatte, aber er ist trotzdem viel unterwegs und durch seinen Hang zum Genialen von erheblicher Unberechenbarkeit.

Was bei Sali am meisten überzeugt, ist, dass er das Spiel förmlich atmet. Wie bei seinen Elfern ist er der Typ, der nicht groß reflektiert, sondern entlang seines Spürsinns für Situationen handelt. Das lässt ihn manchmal eben auch Unbedachtes tun, oft genug aber sehr Konstruktives. Sein Auftritt gegen die Hertha war jedenfalls von der Art, dass man ihn gern öfter in der Startaufstellung sehen würde. Kann sein, Sali wird zum großen Joker der Rückrunde.

Ansonsten hat die gesamte Mannschaft an diesem letzten Hinrunden-Spieltag, an dem die meisten anderen Mannschaften müde und unkonzentriert wirkten, noch einmal eine riesige Willens- und Kampfbereitschaft gezeigt. Dass Hertha BSC förmlich unterging, lag genau daran. Nach den ersten zehn Minuten, in denen die Berliner noch präsent waren, hat unsere Mannschaft sie derart intensiv und erfolgreich bearbeitet, dass die drei Tore der ersten Halbzeit, egal wie sie fielen, die logische Folge waren. Die beiden Tore der zweiten Halbzeit sowieso, als Berlin vollends auseinander fiel…

Es war zu lesen, dass es das langweiligste Spiel der Hinrunde war – was so nicht stimmt. Natürlich war die Hertha kein dankbarer Gegner im Sinne von spielerischem Glanz, was aber auch am Acker lag, auf dem die Partie stattfand. Dazu verlangsamt das weite Rund des Olympiastadions, ob vorort oder im Fernsehen, optisch jede Bewegung. Insgesamt jedoch wurde man als Hoffenheimer bei diesem Kantersieg bestens unterhalten, diesmal sogar durch den TV-Kommentar von „Huiiii“-Moderator Fritz von Thurn-und Taxis, der bis zuletzt hartnäckig daran festhielt, statt Bicakcic „Bikakcic“ zu sagen.

Die Hinrunde ist mit 26 Punkten und unmittelbarem Anschluss an die Spitzengruppe eine richtig gute Halbsaison geworden. Das Ligageschehen scheint, wenn man die Tabelle anschaut, dabei reichlich durcheinander geraten zu sein – was in einer ausführlichen Hoffenheimblog-Betrachtung in der spielfreien Zeit nachzuarbeiten sein wird. Erstmal geht es jetzt mindestens fußballerisch zufrieden in die Winterpause.

Bis zum Wiederlesen im neuen Jahr wünscht der Hoffenheimblog schon mal fröhliche Weihnachten und ein gelingendes Silvesterfest!

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Alexander H. Gusovius