Atemlos durch die Sinsheimer Nacht

Hoffenheim ist nichts für schwache Nerven, Hoffenheim ist der ultimative Test für Stressresistenz. Wer das Flutlichtspiel gegen Hannover gesehen hat, saß oder stand noch Minuten nach dem Abpfiff mit erhöhtem Puls und beschleunigter Atmung auf den Rängen. Für den Heimweg konnte es im Auto musikalisch eigentlich nur eine Wahl geben: Volksbirne Helenes atemloses Liedchen… Die doppelte Landsmännin von Andi Beck (deutsch mit sibirischen Wurzeln) scheint ihren Ohrwurm eigens für die TSG intoniert zu haben. Und für Oliver Baumann, der offenbar endgültig in Hoffenheim angekommen ist – frei nach der Devise: „Wenn es von allein nicht spannend wird, dann sorgt halt einer von uns dafür“.

normal_ug063_6992_291114Zwei Bälle habe er sich selber ins Netz geschmissen, sagte Baumann im Anschluss, was vor allem für den dritten Treffer der 96er zutraf, den er mit einem Ballwurf in die Füße des Gegners einleitete. Danach hieß es wieder einmal zittern. Sieben lange Minuten, von der 86. bis zur 93., inklusive Nachspielzeit, bis der erlösende Pfiff erklang. Den ersten Treffer der 96er dagegen, an dem Baumann zwar mittelbar beteiligt war, hatte jedoch nicht unser Torhüter, sondern das Schiedsrichtergespann der TSG ins Netz gelegt. Denn der Einwurf, der dem Tor vorausging, war fälschlicherweise Hannover zugesprochen worden. Für diesmal traf Dr. Felix Brych, ein Spezialist in Sachen TSG-Netz, aber keine Schuld. Sein Assistent an der Seitenlinie hatte übersehen, dass es nicht Kim war, der den umkämpften Ball ins Seitenaus beförderte. Nach dieser Tatsachen-Entscheidung gelangte der Ball sozusagen auf Umwegen legalisiert ins unversehrte Netz….

normal_ug034_6157_291114Es war der erste Einsatz von Dr. Brych in Sinsheim nach seiner Phantomtor-Tatsachen-Entscheidung vor gut einem Jahr. – Merkwürdig übrigens, dass man fast immer dann über sogenannte Tatsachen-Entscheidungen spricht, wenn ein Fehler passiert ist, aber in Wahrheit genau das Gegenteil einer Tatsache vorliegt, nämlich eine Fehlentscheidung… Dr. Brych schien sich dessen jedenfalls bewusst zu sein bzw. schien er wegen der Rückerinnerung an seinen kapitalen Bock mindestens nicht den besten Tag erwischt zu haben. Und so wirkte auch er ein wenig atemlos in dieser Sinsheimer Nacht…

Mit seinem größten Fehler – einem verweigerten Foulelfmeter in der 18. Minute – konnte er der TSG aber nicht schaden. Pirmin Schwegler legte sich den Ball dann eben an der Strafraumkante zurecht, um wie kürzlich Alonso unter der Mauer durchzuschießen. Die jedoch nicht hochsprang, weshalb er lieber die Torwartecke anvisierte und mit einem schnurgeraden Schuss auch erreichte, anders als Torwart Zieler.

normal_ug091_6485_291114Schweglers Schuss war aber längst noch nicht der Höhepunkt des Hoffenheimer Schusswettbewerbs unter Flutlicht. Wer hier den Vogel abschoss, war Polanski, aus einem besonderen Grund, der ihn so wertvoll für die Mannschaft macht. Sein Tor in der 59. Minute war eine einzige Willensleistung per Weitschuss und fiel in einem Moment, da das Spiel auf der Kippe stand. Hannover hatte sieben Minuten zuvor den Zweitore-Vorsprung der TSG aufgeholt. Und Polanski, der ewige Kämpfer und Antreiber, nahm die sich ausbreitende Enttäuschung in der Mannschaft wie kein anderer wahr und packte seine ganze Unlust auf erneute Katerstimmung in ein Geschoss aus 22 Metern, das schon seiner Urgewalt wegen unhaltbar im Kasten von Zieler einschlug.

normal_ug024_6918_291114Zählt man Schwegler und Polanski auf, muss man auch Kim nennen. Was der Koreaner bei seinem zweiten Debut im Hoffenheimer Trikot zeigte, war phantastisch. Die Linie entlang ging es ohne Pause rauf und runter, Kim warf sich mutig in jeden Zweikampf und setzte in der 36. Minute, glänzend von Schipplock in Szene gesetzt (der wiederum mit einem glanzvollen langen Ball von Polanski bedient worden war), zu einem Flankenlauf an, der in eine enorm präzise, scharfe Hereingabe mündete, so dass Volland nur noch einzuschieben brauchte.

normal_ug074_6343_291114Gab es noch mehr Helden auf dem Platz? Ja, einen gab es noch: Niklas genannt Sensen-Süle. Aber diesmal flog der Hüne keinem Gegenspieler waagerecht in die Parade, sondern löste sich bei einem Schwegler-Freistoß für Hoffenheim ideal von den Hannoveraner Verteidigern und erzielte per Kopf jenes vierte Tor, das schließlich den Sieg bedeutete.

Manchmal wünscht man sich, weniger nervenzerreißende Spiele zu sehen. Doch in Wirklichkeit ist es einfach nur schön, wenn die TSG ihr leidenschaftliches Herz auspackt. Zumal wenn am Ende ein Dreier dabei herausspringt… Gegen die Atemlosigkeit kann man im Anschluss ja auch geeignete Maßnahmen ergreifen, zum Beispiel auf den Sieg anstoßen!

Fotografie Uwe Grün, Kraichgaufoto

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