Leise rieselt die Tradition …

… wie Kalk aus den Köpfen? Schön wär’s! Stattdessen setzt es lautes Gebrüll, weil die Traditionalisten im Fußball weiter vom „kommerzfreien“ Fußball träumen wollen wie einst Uropa vom Kaiserreich. Nur dass Uropa von keinem mehr ernst genommen wurde, verkalkt wie er eben war. Uropa hatte ja auch sonst merkwürdige Ansichten, Juden betreffend und so…

Die nicht enden wollenden Sprechchöre der Kölner Fans letztes Wochenende gegen Dietmar Hopp kamen also nicht daher, wie man denken könnte, dass sie zwei Jahre lang keine Chance mehr hatten, Dietmar Hopp zu beleidigen, weil sie so lange Zweitligaspiele gucken mussten. Nein, die Fußball-Traditionalisten hatten sich an diesem Wochenende vorgenommen, ein Zeichen gegen „Kommerz“ zu setzen, RB Leipzig betreffend und so…

Früher war alles besser, Uropa hat es gewusst. Früher, da war die Welt noch in Ordnung. Jeder wusste, wohin er gehörte, da herrschte noch Respekt. Da wachte der Kaiser über sein Volk, da diente das Volk ihm aus frohem Herzen. Die Jugend war noch nicht verdorben, die Frauen gehorchten ihren Männern. Freunde, das waren noch Zeiten! Frechheiten konnte sich da keiner erlauben, Ausländer und so…

Die Kölner Fans denken ganz ähnlich, wie alle Fußball-Traditionalisten. Früher war auch für sie alles besser. Da gab es noch keinen „Kommerz“ und keine Tribünendächer. Da konnte man sich als Fan in den Stadien noch nach Herzenslust austoben, Prügeleien inbegriffen. Da gab es kein Wolfsburg, kein Leverkusen, kein Hoffenheim und kein Leipzig. Und die unten auf dem Rasen spielten Fußball, weil es eine Ehrensache war, nicht für Geld und so…

Uropa hat sein Zerrbild der Vergangenheit mit ins Grab genommen. Die Traditionsfans buddeln ihre Zerrbilder der Gegenwart immer wieder aus. Es passt ihnen nicht, dass der Fußball von heute genau so funktioniert wie die Zeit, in der er stattfindet. Das twittern und posten sie auf Facebook mit ihrem Smartphone, dazu schauen sie Spiele auf Sky in HD und fahren per Navi mit Autos zu Auswärtsspielen, die Uropa noch mit einer Rakete verwechselt hätte. Es ist ja nicht so, dass sie gegen alles Neue wären und so…

Nein, nur gegen neue Bundesliga-Konkurrenten sind sie. Weil das eben „Kommerz“ ist, während ihre Traditionsvereine (wie der 1948 gegründete 1. FC Köln) immer noch rein aus Nächstenliebe kicken. Ach, wie schön könnte die Fußballwelt sein, wenn es diese elenden „Kommerzvereine“ nicht gäbe, die neue Wege der Finanzierung einschlagen und Traditionsvereine dazu bringen, auch ein bisschen kreativer zu denken, und mithelfen, das Leistungsniveau der Bundesliga nochmal anzuheben, um auch auf internationaler Bühne konkurrenzfähig zu bleiben und so…

Aber das alles passt Uropa nicht! Uropa braucht das alles nicht. Uropa will bei seinen Überzeugungen bleiben, Ende Banane! Für ihn ist die Erde weiter eine Scheibe, und wenn er im Lotto gewinnt, macht er in Wuppertal eine Herrenboutique auf. Basta! Alles Neue ist Firlefanz. Besonders im Fußball, wo der Ball immer noch rund ist und das Tor eckig. Und das brüllen seine Urenkel aus vollen Lungen ihm nach und so…

Und was machen die, denen es nicht wie Uropa geht? Kopfschütteln und darauf achtgeben, dass aus verkalkter Tradition „und so…“ nicht Gewalt wird.

Foto: Uwe Grün

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