Die Zahnarztfalle

Wenn man Angst vorm Gang zum Zahnarzt hat, geht die Sache meistens halb so schlimm aus. Geht man völlig entspannt hin, endet der Besuch öfters mit einer bösen Überraschung. Im Fußball verhält sich das nicht anders – zu besichtigen letzten Samstag in Sinsheim, als Köln zu Gast war.

Egal wen man vorher fragte, wie das Spiel ausgehen würde, immer hieß es „zu Null“. Gegen den FC konnte nun mal nichts anderes rausspringen als ein Dreier, und irgendwie war klar, dass Köln auch kein Tor schießen würde. Warum eigentlich? Weil unsere Defensive inzwischen so stark schien und unsere Offensive sowieso mindestens zwei Dinger versenken würde.

Mir selber ging es ähnlich, alle Gefühlsbarometer standen auf „ungefährdeter Heimsieg“ – bis auf einen klitzekleinen Zeiger im Hinterkopf, der auf Zahnarzt-Erfahrungen geeicht war und mir zu sagen versuchte, dass man sich lieber nicht zu sicher sein sollte. Vergeblich. Als dann Szalai in der 3. Minute das 1:0 erzielte, schaltete ich den lästigen Unheil-Zeiger ab – und tappte endgültig in die Zahnarztfalle.

normal_ug010_2820_081114Das Wetter war schön, Hoffenheim lag früh in Führung, die Kölner Fans stellten ihre miesen Sprechchöre ein: Was sollte da noch schiefgehen? Jede Menge… Der Kölner Ausgleich zwei Minuten später hätte jedenfalls Warnung genug sein sollen. Aber wie es so geht an einem Tag, der mit fröhlichen Vorerwartungen gespickt ist, nimmt man die unguten Vorzeichen nicht wahr. Dunkle Wolken am Himmel? Ah wo!

Schließlich hatte Köln mit dem Sonntagsschuss von Olkowski sein Glückspotential aufgebraucht, zweimal am Tag würde sowas nicht gelingen… Bei einem Kölner Freistoß in der 12. Minute stellte Baumann dann die Mauer so weit herüber, dass kein Flachschuss in die Mauerecke möglich war. Wenn die Mauer jedoch nicht hochspringen würde, womit vielleicht nicht zu rechnen war, konnte der Schütze es immer noch mit einem hohen Bogenschuss probieren. Die Mauer sprang nicht hoch, und tatsächlich zirkelte Lehmann seinen Freistoß Marke Salihovic um die Mauer rechts oben in den Winkel. Es stand 1:2.

normal_ug029_8906_081114Okay, dachte man sich, das läuft jetzt etwas anders als erwartet, aber bitteschön nur durch zwei Tore mit absolutem Seltenheitswert. Und die TSG spielte ansehnlich nach vorn, da war es bloß eine Frage der Zeit, bis der Ausgleich fiel… Dumm nur, dass Köln ebenfalls weiter engagiert nach vorn ging und in der 35. Minute ein Missverständnis zwischen Süle und Baumann gleich zum nächsten Treffer nutzte. Damit schien das Glückskonto der Geißböcke zwar endgültig überzogen, aber es stand auf einmal 1:3.

Jetzt kam in allen, die „zu Null“ getippt hatten, doch ein leises Unbehagen auf – das sich rasch wieder legte. Denn unsere Mannschaft hatte von den Kölner Dusel-Toren endgültig die Nase voll und erzielte in einem Sturmlauf bis zur Pause durch Firmino zwei Treffer. Genau so hatten wir uns das vorgestellt! Damit konnte die Partie von neuem beginnen… Was wir bis hierher erlebt hatten, war also nichts als ein mittlerer Betriebsunfall gewesen. Abhaken und vergessen! Jetzt würden wir es den Geißböcken und ihren fortwährend Dietmar Hopp beleidigenden Fans zeigen! Wenn die TSG erstmal ins Rollen kam, gab es kein Halten mehr…

normal_ug059_2995_081114Gab es doch… In den zweiten 45 Minuten spielte zwar nur Hoffenheim, rollte eine Angriffswelle nach der anderen aufs Kölner Tor, doch leider vermochte keine einzige davon die immer hysterischer sich gebärdenden FC-Fans ruhigzustellen und das gegnerische Tor ernsthaft zu gefährden. Vielleicht waren die stets gleichen, langen Bälle nach vorn etwas einfallslos, vielleicht fehlte einfach das Glück, das der FC an diesem Tag komplett für sich gebucht hatte… Wie auch immer: Die stabile Kölner Defensive fing alles ab, egal wie sehr sich unsere Mannschaft ins Zeug legte und bis zur letzten Minute kämpfte.

normal_ug124_3481_081114Und sie kämpfte wirklich bis zur letzten Minute und musste das auch tun, um wenigstens noch ein Unentschieden zu holen, denn in der 83. Minute nahm beim insgesamt fünften Torschuss der Gäste erneut Olkowski Maß und erzielte mit seinem zweiten Sonntagsschuss das vierte Kölner Tor. Dabei blieb die Toranzeige auf der Videowand auch stehen: Hoffenheim ging als Verlierer mit einer dicken Backe vom Platz. Vier Spritzen hatte der Kölner Zahnarzt gesetzt, eine schmerzhafter als die andere.

normal_ug112_3385_081114Der Tenor danach lautete, Hoffenheim habe gut gespielt und Köln mehr Glück gehabt, als auf eine Geißbockhaut ginge. Im Prinzip stimmte das auch, doch die Kölner Entschiedenheit und mannschaftliche Geschlossenheit war ein wichtiger Faktor im Spiel, während Hoffenheim nur gegen Ende der ersten Halbzeit wie entfesselt spielte, genau dabei zwei Tore erzielte und sich sonst etwas zu eindimensional in der Kölner Defensive festrannte. Es wirkte, als säße eine von sich überzeugte TSG auf dem Zahnarztstuhl, ohne daran zu denken, dass solche Termine auch übel enden können.

Fotografie Uwe Grün, Kraichgaufoto

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