Der Bart ist ab

Dass es zur Pause 2:1 stand, war noch nicht beunruhigend. Hoffenheim hat Gladbacher Führungen oft genug in der zweiten Halbzeit in Siege umwandeln können. Wenn etwas Besorgnis auslöste, dann die gewisse, vielleicht auch nur scheinbare Antriebslosigkeit, mit der die TSG über weite Strecken agierte.

Lag es daran, dass sonntags gespielt wurde, nach einem Feiertag? Hatte sich der sonntägliche Frieden zu tief in die Spielerherzen eingegraben? Von Rudy kennt man das auch sonst, diese gelegentlichen Momente verträumter, selbstverlorener Unentschlossenheit. Diesmal hatte es die ganze Mannschaft erfasst. Und man darf vermuten, dass der Wochentag dabei die geringste Rolle spielte.

Aber was war es dann? Wieso wirkten die Gladbacher Angriffe so viel schwungvoller, zielgerichteter und durchschlagsfähiger? Warum hat Hoffenheim so wenig nach vorn zustande gebracht?

Die Spieldramaturgie hat Gladbach natürlich in die Karten gespielt. Mit der frühen Führung im Rücken konnten die Fohlen sich aufs Kontern verlegen – und mit der erneuten Führung, kurz nachdem der Ausgleich gefallen war, gleich wieder. Und nach der Pause, als es rasch 3:1 stand, dreimal mehr. Konter sind eben so etwas wie der Mutterboden für schnellen Antritt, eine ideale Batterie-Aufladung. So kam es, dass die Gladbacher Konter durch die Hoffenheimer Defensive glitten wie ein Messer durch warme Butter.

Zum anderen ging bei der TSG zu viel durch die Mitte bzw. zu wenig über außen: in der Verteidigung, im Mittelfeld, im Sturm. Es war, als hätte die Mannschaft vom Spielfeld rechts und links gedanklich jeweils ein paar Meter abgeschnitten – während die Fohlen fröhlich wiehernd genau das ausnutzten, wenn sie vorhatten, möglichst ungestört nach vorn zu galoppieren. Umgekehrt schoben sie sich hinten dicht in der Mitte zusammen, so dass kein Durchkommen war, auch beim besten Willen nicht, den man Hoffenheim bis zum Abpfiff tatsächlich nicht absprechen konnte.

Mit dem Wechsel von Vestergaard für Zuber zu Beginn der zweiten Halbzeit wurde die vergleichsweise perspektivlose Engführung des TSG-Spiels noch augenfälliger. Warum kam nicht Hamad, der erst gegen Ende eingewechselt wurde und frische Akzente setzen konnte, auch über außen? Bis zum Schluss gelang es kaum, Gefahr vors Gladbacher Tor zu bringen. Unendlich viele Pässe durch die Mitte blieben stecken, eine Art bleierner Ratlosigkeit sank in die Köpfe, Herzen und Beine.

Und doch wäre Gladbach zu knacken gewesen. Nach der Führung drückte „die wahre Borussia“ nur noch kurz aufs Tempo und zog sich dann zurück, ohne defensiv sicher genug zu stehen. Einige Male war Hoffenheim schon kurz davor, die Gladbacher Verteidigung auszuhebeln und den Ausgleich zu erzielen – hätte sich aber, als es endlich geschehen war, wenigstens nicht sofort den nächsten Treffer einschenken lassen dürfen. Dass sie es dennoch tat, entsprach der Genetik des Spiels, das sich in dieser Phase entschied und von Hoffenheimer Wehrlosigkeit gekennzeichnet war.

Und so wurde – alles in allem – doch deutlich, dass Gladbach die reifere, gefügtere Mannschaft hat. Um sie wirkungsvoll zu erschüttern, hätte die TSG ihr absolutes Maximum abliefern müssen, wovon sie an diesem etwas schwermütigen Sonntag weit entfernt war. Und damit war der Bart ab – am zehnten Spieltag setzte es die erste Niederlage. Volland und Strobl können sich wieder rasieren.

Wobei interessant ist, dass die erste Niederlage genau in dem Moment zustande kam, als die Bart-Diskussion anfing. Es scheint ein ehernes Gesetz des Fußballs zu sein, dass man positive Momente nicht durch Bilder überhöhen darf. Sonst geht die Sache ruck-zuck schief. Bei Elyounoussi war es ähnlich – als er positiv ins Gerede kam, verglich er sich in einem Interview mit einer Ketchup-Flasche, aus der erstmal nichts und plötzlich sehr viel kommt. Kaum ausgesprochen, fiel seine Leistung ab.

Wenn man sich die neun vorherigen Spiele in Erinnerung ruft, kommt die Niederlage vielleicht zur rechten Zeit. Denn es gab einiges von dem, das diesmal gehäuft zur Niederlage geführt hat, in Einzelmotiven auch vorher schon zu sehen: fehlender Druck über außen, viele Fehlpässe, unklares Stellungsspiel. Die Tabelle hatte dazu geführt, in der Hoffenheimer Außen- und Selbstwahrnehmung ein höheres Leistungsniveau anzunehmen, als in Wirklichkeit schon vorhanden ist.

Jetzt hat man Gelegenheit, als Spieler, als Verantwortlicher und als Fan, sich neu zu sortieren und die weitere Entwicklung euphoriefrei ins Auge zu fassen. Die Saison ist noch lang, da ist es besser, wenn man sich später steigert, anstatt früher nachzulassen. Das Potential ist also groß, aber noch nicht klar einzuordnen. Die Umstellung auf defensive Tugenden hat der gesamten Mannschaft neue strukturelle Aufgaben beschert, deren Umsetzung einfach noch ein bisschen andauert.

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