1899 schlägt 1899!

Die nächste Runde des DFB-Pokals, die von 16 Mannschaften bestritten wird, sieht nicht nach einem Leistungsnachweis für die Erste Bundesliga aus. Jede Menge Erstligaklubs sind schon auf der Strecke geblieben, und Köln und Leverkusen kamen nur weiter, indem sie sich durchs Elfmeterschießen zitterten. So stehen im Achtelfinale, das Anfang März 2015 ausgespielt wird, Zweitligisten wie Kaiserslautern, Aalen, Braunschweig und Leipzig, aber auch Drittligisten wie Dynamo Dresden und Arminia Bielefeld und der Regionalligist Kickers Offenbach.

Hoffenheim wird es dann im Südwest-Duell mit dem VfR Aalen zu tun haben, dem („Stand heute“) 17. der Zweitligatabelle, der Hannover 96 mit 2:0 aus dem Pokal warf. Wenn die TSG in Aalen ebenso ernsthaft antritt, wie sie gestern Abend die Partie gegen den FSV Frankfurt bestritten hat, der das gleiche Geburtsjahr im Titel trägt wie Hoffenheim, dann steht die Tür zum Viertelfinale weit offen.

normal_ug002_7527_291014 (1)Trainer Gisdol hatte vor dem Spiel noch massiv bestritten, Rotationen vorzunehmen. Tatsächlich schickte er jedoch Zuber und Schipplock vorn ins Rennen, ließ Bicakcic wieder Spielpraxis in der Innenverteidigung sammeln, während Strobl als rechter Verteidiger auflief und Rudy neben Vestergaard auf der Sechs spielte. Im Tor stand Jens Grahl, der dort auch im vergangenen Jahr bei

Pokalspielen eine gute Figur abgab. Vielleicht hatte Markus Gisdol mit all den Wechseln Verwirrung beim Gegner stiften wollen, der aber wenig beeindruckt schien, stattdessen von Beginn an munter mitspielte und vor allem nicht mit neun Mann Beton anrührte.

normal_ug070_8997_291014Wenn jemand aus der neuen TSG-Formation für Verwirrung beim Gegner sorgte, dann Vestergaard, wenn er sich mit wehender Mähne in den Angriff einschaltete, was umso öfter geschah, je länger das Spiel lief. Manchmal schien es fast so, als würden die Frankfurter dem in Riesenschritten auf sie zu sprintenden Hünen lieber freiwillig eine Gasse öffnen wollen. So ähnlich müssen sich die Menschen bei Wikinger-Überfällen im frühen Mittelalter gefühlt haben, wenn die langmähnigen Nordmänner an Land gingen und Furcht und Schrecken verbreiteten – was Vestergaard denn auch mehr als einmal tat, besonders natürlich bei seinem Treffer zum 2:0 nach einem Zauberpass von Firmino.

normal_ug033_8709_291014Das war aber schon kurz vor der Halbzeit, und davor war viel geschehen. Erst in der 23. Minute war Hoffenheim der Führungstreffer durch Schipplock gelungen – auch hier war Firmino der Passgeber. Bis dahin hatte Frankfurt die Partie einigermaßen offen halten können und kam danach sogar zu zwei hochkarätigen Chancen, die von Strobl und Bicakcic gerade noch vereitelt wurden. Als Bicakcic eingriff, lag Jens Grahl schon bewusstlos am Bodenvon Süle wegen eines Missverständnisses bei der Klärung eines Frankfurter Angriffsballs heftig am Kopf getroffen. Es dauerte bange Minuten, bis klar wurde, dass Grahl wenigstens wieder bei Bewusstsein war, als er aus dem ganz still gewordenen Stadion getragen wurde. Inzwischen steht die Diagnose fest, er hat ein Schleudertrauma erlitten.

normal_ug058_8896_291014 (1)In der zweiten Halbzeit fielen die weiteren Tore für Hoffenheim dann in so regelmäßigen Abständen, dass man sich seitens des FSV keine Gedanken mehr zu machen brauchte, wie man vielleicht doch noch ins Spiel zurückzufinden könnte. Erst krönte Doppel-Vorbereiter und Neu-Seleçao-Spieler Firmino sein bislang bestes Saisonspiel mit einem Fallrückzieher (Marke Tor des Monats) in der 57. Minute, dann traf Modeste exakt 13 Sekunden nach seiner Einwechslung in der 72. Minute per Kopf ins Tor – und schließlich gab sich wieder Firmino die Ehre, als er in der 90. zum 5:1 nach traumhaftem Zuspiel durch Rudy einschob. In der 80. Minute hatte der FSV den Ehrentreffer erzielt, nach Vorbereitung durch den nach Frankfurt verliehenen Vincenzo Grifo, der seinen Freunden und Kollegen von der TSG gern noch mehr von dem gezeigt hätte, was er kann.

normal_ug109_9285_291014Dass nur knapp 12.000 Zuschauer dieses unterhaltsame Flutlichtspiel mit jeder Menge Torszenen für Hoffenheim im Stadion anschauen wollten, lag wohl auch daran, dass die Bayern zur gleichen Zeit frei empfangbar im Fernsehen zu sehen waren. Der Stimmung vorort tat das keinen Abbruch, dem erstklassigen Fußballgeschehen ebenfalls nicht. Wer gekommen war, wurde belohnt, wirklich kalt war es auch nicht. Dieser Fußballabend hat allen Spaß gemacht – den Zuschauern wie den Spielern, die sich offensiv wieder mal nach Herzenslust austoben durften.

normal_ug133_7573_291014 (1)Hoffenheim geht damit weiterhin ungeschlagen durch die Saison, woran man sich gewöhnen könnte. Bevor die Erwartungen jedoch in den Himmel schießen, steht am Sonntag die Partie in Gladbach auf dem Programm, und auch die Bayern und Leverkusen müssen bis Jahresende noch bespielt werden. Ach ja, Dortmund ebenfalls, aber diese Aufgabe erscheint vergleichsweise lösbar… Wie auch immer – es scheint eine gute Saison zu werden, die Mannschaft wirkt ziemlich gefestigt. Man sollte sie nur nicht mit Zielen überlasten, um die gute und immer noch notwendige Entwicklung hin zu einem dauerhaft erfolgreichen Team nicht zu behindern.

Fotografie Uwe Grün, Kraichgaufoto

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