Sesam, öffne dich!

Neun Liga-Spiele ist 1899 Hoffenheim jetzt ungeschlagen, bei fünf Unentschieden und vier Siegen – und hat auch gegen Paderborn verdient gewonnen. Ist darum alles gut? Im Prinzip ja. Wenn es so weitergeht, sowieso. Außer vielleicht, dass sich Kevin Volland erst nach einer Niederlage den Bart abrasieren will. Zusammen mit Strobl, der ebenfalls auf die magisch-männliche Siegerwirkung setzt.

Wie wird das aussehen, wenn die TSG nochmal neun Spiele unbesiegt bleibt! Oder noch länger? Zwar haben Bärte gerade Konjunktur und es tauchen selbst Mullah-artige Gesichtswälder vermehrt auf, aber Volland mit einem Rauschebart bis hinab auf den Brustkorb würde vermutlich nur dazu führen, dass sich die Gegenspieler, statt am Trikot zu ziehen, irgendwann darin verkrallen.

normal_ug018_6580_251014Doch dahin wird es nicht kommen. Nächste Woche steht Gladbach an, und die Bayern fehlen ja auch noch. Außerdem sind manche Unentschieden der bisherigen Saison-Spiele durchaus glücklich zu nennen, so dass man davon ausgehen darf, dass die TSG nicht ohne Niederlagen bleiben wird. Man muss sogar zugeben, dass selbst Paderborn Chancen auf den Sieg hatte.

Alles zusammengenommen natürlich nicht. Hoffenheims Überlegenheit war sichtbar. Und da war Rudys verschossener Elfer in der ersten Halbzeit, es gab viel offensives Bemühen und Lattentreffer und halbgute Chancen. Die aber lange Zeit nicht genutzt wurden – was allerdings auch auf Paderborn zutrifft. Diese auf dem Papier chancenlose Mannschaft aus Nobodys hat sich per Konter immer wieder in exzellente Schussposition bringen können und nur nichts daraus gemacht.

Kurz bevor das 1:0 fiel, ging einer dieser gefährlichen Paderborner Konterangriffe ebenfalls an den Pfosten und trudelte dann im Rücken von Baumann die Torlinie entlang, aber zum Glück nicht darüber. Wie wäre das Spiel sonst ausgegangen? Das kann man sich selbstverständlich immer fragen, auch nach Rudys Elfer-Pech. Wie auch immer, lange Zeit tat sich die TSG enorm schwer, durchschlagende Wirkung zu erzielen. Die Riesenchance von Paderborn war offenbar so etwas wie ein Weckruf…

normal_ug064_6942_251014Es ist schon erstaunlich, wie verzagt und verunsichert die letztjährige Offensiv-Sensation namens TSG in dieser Saison nach vorn öfters wirkt und dabei viele Fehlpässe produziert. Die Umstellung auf defensive Stabilität hat der Mannschaft einiges an Ballsicherheit und Offensivgeist genommen und auch das intuitive Stellungsspiel in Mitleidenschaft gezogen. In der Summe fährt sie damit erfolgreicher, aber man weiß halt, was möglich wäre, und wünscht sich die bezwingenden

Sturmwirbel ein bisschen zurück. Bislang, könnte man sagen, steht sich die TSG offensiv selber etwas im Weg.

Denn durch die tiefer stehende Mannschaft sind die Sprints nach vorn länger geworden; das Angreifen gestaltet sich dadurch mühsamer und kann nicht mehr reflexartig geschehen, weshalb die TSG eben nicht mehr so positiv „verrückt“ nach vorn spielt wie letzte Saison, wie Modeste es kürzlich in einem Interview formuliert hat. Dazu passend hat Trainer Gisdol in der ersten Halbzeit von der Seitenlinie aus mit den Händen immer wieder Bögen in die Luft gezeichnet, als Signal an die Mannschaft, es mit langen, hohen Bällen auf Szalai zu versuchen, um die Wege von hinten nach vorn zu verkürzen.

normal_ug116_7265_251014In den letzten Spielen gab es die Bogenlampen nach vorn, auch auf Modeste, vielfältig zu sehen. Ist das wirklich TSG-like? Der Trainer weiß bestimmt, was er will, und der Erfolg gibt ihm ja recht. Aber als das erlösende 1:0 gegen Paderborn fiel, durch Kevin „Bart“ Volland, da hatte es die Mannschaft mit einem anderen Konzept versucht: Instinktfußball. Über Minuten hinweg hatte sie die taktische Ordnung hinter den Willen, offensiv durchzuschlagen, zurückgestellt. Und durch ihr anhaltendes Wirbeln, durch regelrechtes Powerplay war die stabile Paderborner Abwehr irgendwann derart desorientiert, dass sich der Weg ins Tor fast von selbst fand. So wie letzte Saison.

Zu diesem Zeitpunkt waren auch Zuber und Schipplock vorne dabei. Schippo als spielender Neuner und Zuber als begabter, dauerhafter Unruheherd auf der linken Seite haben sicher viel zum offensiven Geist dieser Minuten beigetragen. Nicht mit Bogenlampen, sondern mit „Sesam, öffne dich“ Marke TSG, also mit kompromisslosem Angriffsspiel, hat sie die Paderborner Festung geknackt. Man darf wohl erwarten, dass Schipplock und Zuber auch im Pokal spielen werden, von Beginn an. Interessant wäre es allemal.

normal_ug099_7121_251014Neun Spiele, siebzehn Punkte, Platz vier in der Tabelle. Alles ist gut. Auch weil die Mannschaft sich permanent weiterentwickelt, wie Markus Gisdol und Alexander Rosen nicht müde werden zu betonen. Wenn möglich, bitte gern auch wieder mit mehr „Sesam, öffne dich!“

Fotografie Uwe Grün, Kraichgaufoto

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Alexander H. Gusovius