Trainertypen der Bundesliga: Dritter Teil

Wer ist Kölns Peter Stöger? Zuerst mal der Mann mit der Brille, der es geschafft hat, den 1. FC Köln zurück in die Bundesliga zu holen. Dass er in Österreich als Spieler Karriere gemacht und dort auch als Manager, Sportdirektor und Trainer angefangen hat zu arbeiten, prädestiniert ihn als sportlichen Leiter von Köln – jenem Verein, der zu oft nur das Spiegelbild einer immer aufgeregten, zuweilen hysterischen Stadt war. Köln, das ist Extravaganz mit proletarischem Glanz, das ist tödlich ernster Humor, das ist sentimentaler Irrsinn in seiner rationalsten Version: für einen Österreicher also wie gemalt, fast ein Heimspiel. Stögers Verweildauer betrug vor seiner Zeit in Köln meist nur ein Jahr, er kündigte stets aus eigenem Antrieb und ist jemand, der im Leben weiterkommen will. Dass er in der Kölner Mannschaft Beton anzurühren versucht und ihr offensiv bislang wenig Leben eingehaucht hat, wird, wenn es so bleibt, seiner Verweildauer am Rhein Grenzen setzen.

Leverkusens Roger Schmidt sieht ein bisschen aus wie eine domestizierte, dunkelhaarige Version von Christoph Daum – jünger und weniger fanatisch, aber ebenso radikal fokussiert. Ebenfalls aus Österreich an den Rhein gekommen, vorher in Paderborn aufgefallen, pflegt Schmidt einen bedingungslosen Umschaltstil, der in Hoffenheim bekannt vorkommt. Klappt das System, werden gegnerische Mannschaften förmlich überrannt. Es entspringt jener Schule von Helmut Groß, in der Ralf Rangnick sein Handwerk gelernt hat, später auch Markus Gisdol. Das Problem bei dieser Art Fußball zu spielen ist nur, dass sie gar nicht mehr neu ist und inzwischen mit spielgestaltenden Elementen unterfüttert werden muss. Sonst kommt man bald selber unter die Räder. Rangnick hat das in Hoffenheim nach jener legendären Herbstmeisterschaft erlebt, Schmidt in Leverkusen schon nach wenigen Spielen. Markus Gisdol weiß um die Gefahr und orientiert seine Mannschaft darum neu. Roger Schmidt wird sich ebenfalls umorientieren müssen, wenn aus Vizekusen nicht Mittelfeldkusen werden soll.

Wie lange bleibt Bremens Robin Dutt noch im Amt? An der Weser ist Panik ausgebrochen, der man als Trainer gewöhnlich zuerst zum Opfer fällt – obwohl im verbissenen Kampf um die Oberhoheit bei Werder viele Schuldige auszumachen sind. Also hat Dutt noch höchstens zwei Spieltage vor der Brust, dann beginnt das große Schlachten in Bremen, das später noch mehr Opfer fordern wird. Dutt gibt dabei die tragische Figur – eine Rolle, die ihm aber auf den Leib geschneidert scheint, denn wirklich glanzvoll war nur seine erfolgreiche Zeit in Freiburg. Danach scheiterte er in Leverkusen und wurde Sportdirektor bzw. graue Maus des DFB, was er bald nach Amtsantritt gar nicht mehr interessant fand, weshalb er den Bettel hinschmiss und auf den Rasen zurückkehrte, zu einer schwierigen bis aussichtlosen Mission in Bremen. Dutt wirkt bei allem, was er unternimmt, irgendwie gehemmt, er ist eine Mischung aus bemühtem Kumpel, pedantischem Fachmann und wohlmeinendem Oberlehrer. Eine Mischung, die imgrunde hoch explosiv ist. Aber nach innen…

Was fängt man mit dem vorgestellten Trainer-Kuriositätenkabinett an? Wenn etwas daran auffällt, dann eben, wie auffällig Trainertypen sind, selbst wenn die jüngere Garde meist nicht mehr so kantig daherkommt wie einst Ernst Happel oder Udo Lattek. Warum ist das so? Trainer im Rampenlicht der Bundesliga müssen enorm viel leisten und alle sieben Tage extrem viel aushalten. Millionen von Menschen verknüpfen mit ihnen Glück oder Unglück, Leid oder Triumph. Millionen von Geldern hängen an ihrem Handeln. Das zerrt an den Nerven. Dazu müssen sie, um Erfolg zu haben, über geradezu alchimistische Fähigkeiten verfügen, um die richtige Mixtur für ihre Mannschaft zu finden, taktisch und personell. Fehler, in normalen Berufen verzeihbar, werden im Spitzenfußball nicht verziehen. Denn die Medien als Sprachrohr der Fans zermahlen jeden, der einen Fehler zu viel macht.

Um das alles konstruktiv durchzustehen und bei alldem immer gute Laune zu zeigen, braucht es ein hohes Maß an Persönlichkeit. Anders gesagt müssen Bundesligatrainer das Rampenlicht lieben und gute Selbstdarsteller sein, um sich wenigstens als Persönlichkeit zu verkaufen. Und es braucht für diesen Job ein sehr, sehr dickes Fell. Kein Wunder, dass viele Trainer der Last des Liga-Wahnsinns nicht standhalten und in der Versenkung verschwinden, nicht zuletzt, weil es ihnen an handwerklichem oder psychologischem Geschick fehlt. Kein Wunder auch, dass sie fast alle autistische Züge tragen, also wie in sich eingeschlossen wirken und nur mit ihrer Tunnelbegabung den Kontakt zur Welt herstellen. Schrille und schräge Typen wie früher sind da eigentlich fast der Normalfall, nur dass man sich als Trainer heutzutage auch noch weltgewandt präsentieren muss.

Interessant ist aber, dass es trotzdem signifikante Unterschiede gibt. Trainertypen wie Gisdol, Korkut, Hecking oder Veh sind trotz allem Liga-Wahnsinn menschlich glaubwürdig und bewahren einen Gutteil ihrer Würde, was man von Einpeitschern wie Klopp oder Weinzierl nicht behaupten kann. Diesem Trainertypus ist es bei auffällig hoher Eitelkeit imgrunde egal, welche öffentliche Wirkung er erzeugt, solange er Erfolg hat. Solche Trainer werfen alles in die Waagschale und beuten dafür sich selbst und ihre Mannschaften regelrecht aus. Der Flurschaden, den sie bei Misserfolg hinterlassen, ist entsprechend groß.

Nochmal: Hoffenheim kann sich glücklich schätzen, Markus Gisdol zum Trainer zu haben. Seine Vorgänger Pezzaiuoli, Stanislawski und Babbel waren zwar allesamt Selbstdarsteller, aber es fehlte ihnen augenscheinlich an Handwerk – wovon Marco Kurz als letzter Vorgänger wiederum zu viel aufbot. Psychologisches Geschick war bei allen vieren nicht zu verorten. Die Prognose für Markus Gisdol ist umso positiver zu formulieren. Er wird in Hoffenheim Erfolg haben – und irgendwann auch darüber hinaus.

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