Trainertypen der Bundesliga: Zweiter Teil

Thomas Schaaf hat sich schon durch die langen Jahre in Bremen so etwas wie das natürliche Recht auf die Rehhagel-Nachfolge erworben. Dass er jetzt in Frankfurt an die Bremer früheren Erfolge anzuknüpfen versteht, verstärkt sein Image als ebenso bodenständiger wie listiger Trainer noch. Allerdings steht seine leicht knurrige, wortkarge Art nun endlich nicht mehr für norddeutsche Tugenden, wie viele lange Zeit dachten, sondern für kernbadische Natur. Schließlich ist Schaaf Mannheimer, und auch dort stellt man weniger Worte mit mehr Inhalt über inhaltsleeres Geschwätz. Er verkörpert den Typus des natürlichen Generals, der seine Autorität nicht von Abzeichen und der Uniform herleiten muss, sondern durch Wissen und Taten besticht. Das Verhältnis zu seinen Spielern ist durch Klarheit und Offenheit geprägt. Thomas Schaaf zeichnet eine hohe Grundehrlichkeit aus.

Anders Markus Weinzierl, der in Augsburg Außerordentliches vollbracht und dem Liga-Winzling zu erstaunlichen Erfolgen verholfen hat – unterstützt durch Stefan Reuter. Beide pflegen ein wirkungsvolles Understatement, auf das etliche Großklubs und solche, die sich dafür halten, regelmäßig hereinfallen. Dazu gehört sehr viel taktische und läuferische Disziplin, die Weinzierl seinen Spielern streng abverlangt, aber auch eine ruppige Gangart. Fromm und unschuldig, wie er sich gibt und aussieht, neigt Weinzierl zu einer Spielweise, die böse auf die Knochen geht. Es ist jenes Prinzip, das einst in Kaiserslautern erfunden wurde, nämlich als Underdog lieber Schmerzen zu bereiten als Schwachpunkte anzubieten. Im Spiegelbild scheinen Weinzierls Spieler angewiesen, sich beim geringsten Körperkontakt durch gegnerische Spieler in demonstrativen Schmerzen zu wälzen – worauf viele Schiedsrichter hereinfallen. Sehr sportlich ist das nicht. Besonders Tobias Werner, eine Art Robben für Arme, sticht hier hervor. Kaum fällt er, was er oft tut, winkt er um Hilfe, klopft in Verzweiflung auf den Boden, schlägt die Hände vors Gesicht oder hält sich zappelnd irgendeinen Körperteil, der angeblich schlimm erwischt worden ist – um gleich darauf unbeschwert weiterzuspielen. Augsburg lebt unter Weinzierl so etwas wie die Moral des Erfolgs unter Ausschluss manch anderer moralischer Aspekte.

Tayfun Korkut ist noch nicht lange genug Bundesliga-Trainer, um valide Erfahrungswerte in Anschlag zu bringen. Interessant ist aber, wie er seine Zeit bis dahin angelegt hat: als Lernender. Durch zahllose Praktika und Co-Trainerposten in Spanien, Deutschland und der Türkei hat er sein Wissen zielstrebig vermehrt und wendet es in Hannover nicht ohne Erfolg an. Er ist der Typus des polyglotten, weltgereisten Trainers, der durch Übersicht glänzt. Von seinem Lehrmeister Gus Hiddinks hat er das Motto übernommen, immer ruhig zu bleiben und nach Siegen und Niederlagen gleichermaßen ausgeglichen zu reagieren. Eines kann man auch nach seiner kurzen Zeit in Hannover aber sicher sagen: Korkut ist einer, der fair spielen lässt und seine Spieler nicht ausquetscht, um den eigenen Erfolg voranzubringen. Das erklärt, warum Markus Gisdol und er sich mögen und so gut verstehen.

Armin Veh ist auf dem besten Weg, zum Grandseigneur der Bundesliga-Trainer zu werden. Nachdem Jupp Heynckes und Ottmar Hitzfeld ausgeschieden sind, gibt niemand wie er den grundgelassenen Trainer mit Weitblick. Seine grundsätzliche Unabhängigkeit demonstriert er dadurch, dass er immer nur Einjahresverträge abschließt, so dass er missliebige Entwicklungen in Vereinen selber beenden kann. In Stuttgart hat er sich jedoch auf zwei Jahre verpflichten lassen – das könnte sich rächen. Nicht finanziell, was aber auch unterhalb von Vehs Wertewelt wäre. Doch sein Renommee könnte leiden, vor allem vor sich selbst, wenn es um die Dinge in Stuttgart weiter so übel bestellt sein sollte. Neben einer klaren, sachlichen Trainerhandschrift, die aus seinen Spielern nicht das Kantige, Schräge oder Übermotivierte herauszuholen versucht, sondern einfach das Beste, ist Armin Veh ein kluger Kopf und höchst angenehmer Zeitgenosse.

Kasper Hjulmand von Mainz 05 ist der große Unbekannte der Liga. Manager Heidel hat ihn aus dem Hut gezaubert, als Thomas Tuchel unter nach wie vor unklaren Aspekten von der Fahne ging, und scheint mal wieder einen Volltreffer gelandet zu haben. Mit viel dänischem Naturell – also völlig unaufgeregt – hat er die stark gelichteten Mainzer Reihen neu geordnet und trotz der vielen Neuverpflichtungen eine stabile Struktur geschaffen, nach anfänglichen Irritationen. Hjulmand gehört zu den jungen Trainern, die angenehm wenig Gewese um sich machen, und pflegt einen komplexen Spielstil, der aus den natürlichen Mainzer Defiziten das Maximum herausholt. Effizienz ist sein Markenzeichen, bei grundsätzlicher Eleganz und Unangestrengtheit.

Thomas Tuchel, sein Vorgänger, ist das gerade Gegenteil. Unangestrengt hat er nicht eine einzige Minute gewirkt, als er seine Trainertätigkeit in Mainz versah. Eher verkörpert er den Typus des „Maniac“, des positiv Wahnsinnigen und in die Sache Verbissenen, der Mannschaften fiebernd analysiert und komponiert, mit durchschlagendem Erfolg. Seine taktischen Tricks und Wendemanöver in Spielen sind Legende – weshalb Tuchels Name überall sofort genannt wird, wo ein Trainer gesucht wird. Trotz der Überhöhung, die um ihn gemacht wird, ist Thomas Tuchel gänzlich uneitel. Ihm geht es ausschließlich um den Erfolg des Ganzen, er will immer gewinnen. Mindestens auf dem Reißbrett, besser in Wirklichkeit. Niederlagen stören dabei ganz erheblich, nein, sie quälen ihn. Sein Motto scheint zu sein: Es muss einen Weg geben, auch wenn es keinen gibt.

Im dritten Teil von „Trainertypen der Bundesliga“ wird es noch kurz um Kölns Peter Stöger, um Leverkusens Roger Schmidt und um Bremens Robin Dutt gehen. Jens Keller war auch noch vorgesehen, aber sein Engagement auf Schalke ist ja schon Geschichte. Die Frage ist, wie lange Dutt noch im Amt bleibt.

Im Abschluss bilanziert Teil 3 dann in einer Art Schlussabrechnung, welche übergreifenden Erkenntnisse aus dem vorgestellten Trainer-Kuriositätenkabinett zu ziehen sind…

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Alexander H. Gusovius