Jäger aus Kurpfalz

Sind wir jetzt wirklich der Bayernjäger Nummer eins? Nein, sind wir nicht! Nicht nach dem siebten Spieltag, punktgleich mit Gladbach… Eher schon sind wir, regional-genetisch vorbelastet, sowas wie der Jäger aus Kurpfalz… Der immer gute Laune hat, lustig durch die Gegend reitet und aus freiem Antrieb Punkte einsammelt – ohne zwanghaft die Bayern zu jagen, wobei noch fast jedem irgendwann die Luft ausging.

Ein einziges Tor für Gladbach hätte im Übrigen auch genügt, um die Fohlen viel näher an die Bayern herangaloppieren zu lassen. Jaja, klar, Gladbach, hätten die Medien dann gesagt. Wenn Dortmund, Schalke und Leverkusen andauernd patzen, wer sonst… Und der Medienhype wäre an den Niederrhein gereist und hätte dort Unruhe zu stiften versucht.

Dass es in Gladbach nicht zum Siegtor gereicht hat, grenzt tatsächlich an ein Wunder. Im Mainzer Dom müssen Kerzen über Kerzen angezündet worden sein, so haarsträubend vergaben die Gladbacher kurz vor Ende Chancen über Chancen. Und nur darum steht Hoffenheim jetzt auf dem zweiten Platz der Tabelle und wird von den Medien zum Bayernjäger ernannt.

Die Medien machen sowas gern. Kleine Tatsachen in große Worte wickeln. Wobei es natürlich keine Kleinigkeit ist, am siebten Spieltag Zweiter zu sein. Aber darum ist man noch lang kein Bayernjäger, und das wissen Markus Gisdol und sein Team auch. Dieser zweite Tabellenplatz ist eine schöne Belohnung für Konstanz zu Saisonbeginn und ein Ausdruck für das, was Hoffenheim wirklich ist: eine gewachsene Mannschaft.

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Und genau das hat am Samstag den Unterschied gemacht. Hoffenheim hat sich als gewachsene Mannschaft präsentiert, Schalke nicht. Mit noch so vielen hochklassigen Spielern ist wenig zu erreichen, wenn eine Mannschaft nicht wie aus einem Guss spielt, womit sich Schalke seit Längerem sichtbar schwer tut. Die TSG hat dagegen an Zusammenhalt enorm zugelegt.

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Szalai ist ein signifikantes Beispiel dafür. Er gehört zu den Spielertypen, die mannschaftsdienlich denken und handeln – bei Stürmern eher eine Seltenheit. Damit ist er auf Schalke schlecht gefahren, in Hoffenheim dagegen hat er sich allmählich in die mannschaftlichen Strukturen eingefunden und nicht zuletzt darum am Samstag sein erstes Tor erzielt.

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Und noch einer hat wieder getroffen: Elyounoussi. Die Fans haben ihn deshalb bei einer Umfrage auf 1899.me zum Top-Spieler des Tages gewählt. Nussi, wie er in Fankreisen liebevoll genannt wird, ist als Dauerläufer, als permanenter Unruheherd und sicherer Torschütze auch die Entdeckung dieser Saison. Kein Top-Name (noch nicht), aber ein Top-Spieler, der die freien Räume nach vorn, die Schalke bot, mustergültig genutzt hat. Die ganze Mannschaft hat diesmal wieder gezeigt, wie gefährlich sie nach vorn spielt.

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Defensiv brennt ja schon länger nichts mehr an. Da musste ein einsamer Schalker Jäger, der „Hunter“, schon hunt-greiflich werden und Polanski eine watschen, um sich in Schussposition zu bringen und sein spätes, eigentlich irreguläres Tor zu erzielen. Geändert hat das nichts. Hoffenheim ist als überzeugender Sieger vom Platz gegangen – auch wenn Schalkes Manager Heldt nach dem Spiel meinte, dass nicht die bessere Mannschaft gewonnen hätte. Selbst durch die königsblaue Brille gesehen dürfte das eine gewagte Analyse sein.

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Vielleicht war es auch nicht mehr als das berühmte Pfeifen im Wald – im Wald des Jägers aus Kurpfalz… Die Freude über den Heimsieg vermochte Horst Heldt damit jedenfalls nicht zu trüben, anders als in Moskau, wo sich Gazprom und Putin hoffentlich ordentlich grämen. Und eitle Freunde über den Sieg der TSG herrscht auch in Dortmund nicht, wo man sonst jede Niederlage des ewigen Rivalen feiert; schließlich hat der BVB seinen Auftritt am Samstag selber versägt.

Nach sieben Spielen hat Hoffenheim einen ersten wichtigen Schritt getan und die Fokussierung auf eine sichere Defensive, die manche Umschaltbewegung erschwert hat, erfolgreich abgeschlossen. In den nächsten beiden Spielen in Hamburg und gegen Paderborn, die beide nicht leicht werden, kann die neue Konstanz in noch mehr mannschaftliche Geschlossenheit umgewandelt werden. Auf geht’s, Jäger aus Kurpfalz!

Fotografie Uwe Grün, Kraichgaufoto

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