Taktik essen Seele auf

Ja, auch Fußballspiele haben eine Seele, bestehend aus dem Querschnitt aller sportlichen und mentalen Anstrengungen auf dem Platz – und auf den Rängen. Bei der Partie in Mainz war denn auch jede Menge Anstrengung zu sehen und zu hören, aber so etwas wie eine Spielseele wollte sich partout nicht einstellen.

Der Ausdruck „seelenloses“ Gekicke wäre trotzdem fehl am Platz. Damit würde man sagen, dass Mainz und Hoffenheim nicht alles daran gesetzt hätten, ein erfolgreiches Spiel abzuliefern. Das haben sie aber, über 90 kraftzehrende Minuten hinweg. Erfolgreich war gleichwohl keiner, die taktischen Vorgaben haben es verhindert. Und ein aufgeweichter Platz, der auf beiden Seiten zu extrem vielen Fehlpässen führte.

Markus Gisdol hat den zentralen Grund, abgeklärt wie immer, gleich nach dem Spiel aufgezeigt: „Der Gegner hatte fast das Gleiche vor wie wir. Beide Teams haben auf gute Kontersituationen gelauert und sich somit weitestgehend neutralisiert.“ Während Kevin Volland sagte: „Wir haben alles rausgehauen.“

Beide haben recht, in diesem Spiel zweier Temas mit gleicher Punktzahl und gleichem Torverhältnis war auch die taktische Marschrichtung dieselbe, so dass alle Spieler, inklusive der Torhüter, ein enormes Laufpensum absolvieren mussten, um die Räume zu verteidigen und dem Gegner nicht zum Sieg zu verhelfen. Sich selber zum Sieg zu verhelfen, war nicht gut möglich, ohne unkalkulierbare Risiken einzugehen.

„Ein Tor würde dem Spiel gut tun.“ Der legendäre Satz von Günther Jauch und Marcel Reif, als sie am 1. April 1998 bei der Partie Madrid-Dortmund viel Zeit überbrücken mussten, bis ein umgestürztes Tor ersetzt werden konnte, hätte auch auf die Partie Mainz-Hoffenheim gepasst. Wäre durch Zufall, Glück oder Schicksal eine der Mannschaften irgendwann in Führung gegangen, hätten sich die taktischen Zwänge sicher in Luft aufgelöst.

Gegen Ende, etwa ab der 75. Minute, versuchte die taktisch festgezurrte Seele des Spiels, sich trotz aller Vorgaben zu befreien. Das dauerte zwar nur ein paar Minuten lang, aber Mainz schlug auf einmal eine schärfere Gangart an, angefeuert von den Rängen, und Hoffenheim antwortete. Bevor sich das Flämmchen jedoch zu einer Flamme, geschweige einem Flächenbrand auswachsen konnte, waren alle Akteure schon wieder ins taktische Korsett zurückgeschlüpft, die Partie endete 0:0.

Mit zehn Punkten aus sechs Spielen ohne Niederlage steht die TSG gut da, der Tabellenplatz weit oben ist allerdings nicht mehr als eine Momentaufnahme. Durch das Schwächeln der Liga-Platzhirsche Bayern, Dortmund, Leverkusen und Schalke herrscht in der oberen Tabellenhälfte einiges Gedränge. Ob die Platzhirsche weiter schwächeln, liegt allerdings auch in der Hand der TSG.

Denn nächsten Samstag geht es gegen Schalke, gegen den nach Wolfsburg zweiten schwergewichtigen Hoffenheimer Gegner. Gut, dass die Knappen gegen Dortmund einen Sieg holen konnten. Hätten sie das Derby verloren, wären sie giftig bis zur Halskrause gegen die TSG angetreten. So jedoch besteht die Chance, dass Schalke sich überschätzt und die Partie spielerisch dominieren will. Dann greift die neue defensiv grundierte taktische Ausrichtung von Hoffenheim – und es entwickelt sich ein Spiel mit sehr viel Seele…

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Alexander H. Gusovius