Spektakel coming home

Wer zuhause blieb, weil er dachte, Hoffenheim kann kein Spektakel mehr, hat viel verpasst. Auch wenn es vielleicht schöner ist, mit 2:0 zu gewinnen, als spektakulär 3:3 zu spielen – wie Markus Gisdol nach dem Sieg in Stuttgart meinte. Hatte er da schon etwas geahnt? Dass es gegen Freiburg spektakulär zugehen würde?

Ja, Siege sind natürlich schöner. Andererseits gibt es diese ganz besonderen Momente im Fußball, die manchmal fast noch schöner sind. Auch zum Nacherleben, zum Beispiel hier, geschehen gestern bei Flutlicht in der WIRSOL Rhein-Neckar-Arena:

Doch, so ein Baden-Derby ist etwas ganz Besonderes. Wie so oft kam es am Ende zur Punkteteilung, aber bis dahin gingen die Emotionen bergauf und bergab wie im Freizeitpark. In diesem Spiel war alles drin, was den Fußball so einmalig macht.

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Hoffenheim begann stark. Volland war in die Startaufstellung zurückgekehrt und hatte die frühe Führung auf dem Fuß. Szalai stürmte in der Mitte für Modeste, während Rudy wieder den rechten Verteidiger gab, so dass Strobl erneut Bicakcic ersetzen konnte. Vestergaard war überraschend als Sechser-Partner von Polanski aufgeboten – was Freiburgs Trainer Streich, als er den Bogen mit den Aufstellungen in die Hand gedrückt bekam, heftigst stutzen machte. „Ich muss sofort zurück in die Mannschaftkabine“, sagte er, um seinen Mannen neue taktische Anweisungen zu geben.

In den ersten zwanzig Minuten deutete allerdings einiges darauf hin, dass Freiburg trotz der überlegenen offensiven Spielweise der TSG nicht ohne Aussicht auf Erfolg nach Sinsheim gereist war. Zweimal gingen die Südbadener steil auf ihren Ex-Kollegen Baumann, zweimal klärte Baumann spektakulär in Manuel-Neuer-Manier weit vor dem eigenen Strafraum, der später, in der zweiten Halbzeit, vom Freiburger Anhang ausgepfiffen wurde: Fairness geht anders.

Es waren diese präzisen langen Pässe, die der Hoffenheimer Defensive Kopfzerbrechen bereitete. Vorbereitend gab es jedesmal Unkonzentriertheiten bei eigenen Pässen, so dass Freiburg immer schneller wieder in Ballbesitz kam – und in der 32. und 33. Minute nach blitzartigen Kontern 0:2 in Führung ging: Doppelschlag!

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Doch die TSG kam zurück. Fast unbeeindruckt vom Freiburger Zweifachglück näherte sich Hoffenheim wieder dem Tor von Roman Bürki, bis in der 44. Minute Elyounoussi wie ein Slalomfahrer den Weg von rechts durch die eng gestellte Freiburger Verteidigung in die Mitte fand: Anschlusstreffer!

In der zweiten Halbzeit kam Freiburg kaum mehr nach vorn, Hoffenheim spielte jetzt viel konzentrierter und baute zunehmend Druck auf. Und je größer der Druck wurde, umso kopfloser verteidigten die Südbadener. In der 62. Minute, nach zwei erfolglosen Fernschüssen von Rudy und Polanski, die jeweils knapp übers Tor strichen, legte sich Rudy den Ball zum Freistoß zurecht. Die Mauer stand nah, aber Rudy streichelte den Ball förmlich mit viel Effet über sie hinweg, so dass er sich rasch absenkte, genau in die Ecke. Bürki kam zwar noch mit den Fingerspitzen heran, konnte Rudys Zauberball aber nicht daran hindern, die Torlinie zu überschreiten: Ausgleichstreffer!

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Ein einziges Mal kam Freiburg danach noch nach vorn an die Strafraumkante, wo Schmid in der 75. Minute von Strobl im Zweikampf unabsichtlich gefoult wurde – Schiedsrichter Kinhöfer verlegte den Tatort aber auf die Linie zum Sechzehner und entschied sehr zweifelhaft auf Elfmeter, den Darida dankend verwandelte: Freiburgs erneuter Führungstreffer!

Doch die TSG raffte sich noch einmal auf, unterstützt durch den Platzverweis von Darida, der den für Polanski eingewechselten Schwegler in der 81. Minute mit sehr hohem Bein am Kopf getroffen hatte. Die rote Karte mochte zweifelhaft sein, aber dafür wäre schon in der 55. Minute statt der gelben Karte ein Freiburger Platzverweis möglich gewesen, nachdem Mujdža Polanski beim Streit nach einem Foul an Beck im Strafraum derb umgestoßen hatte.

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Freiburg konnte sich also nicht beschweren, benachteiligt worden zu sein. Nur wurde für Hoffenheim die Zeit allmählich knapp, die langen Bälle auf Modeste, der inzwischen für den abgekämpften Szalai spielte, brachten kaum Torgefahr. Dann gab es vier Minuten Nachspielzeit. Und erst jetzt besann sich die TSG auf das Rezept des massiven Drucks, der schon einmal zum Torerfolg geführt hatte. Tatsächlich geriet Freiburg dadurch endlich ins Taumeln, Volland tankte sich rechts durch und spielte den Ball in den vollbesetzten Strafraum, wo, anders als der Radiokommentar es sagt, Süle zum Kopfball kam: Bürki wehrte ihn ab. Strobl setzte zum Nachschuss an: Bürki wehrte ihn ab. Aber mitten im Getümmel machte Vestergaard sein langes Bein noch länger und hielt drauf: Ausgleichstreffer!!!

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Während Strobl entkräftet im Liegen jubelte und der Rest der Truppe mitsamt fast der gesamten Bank zur Haufenbildung über dem Torschützen ansetzte, sanken die Freiburger zuboden. Trainer Gisdol ruderte mit den Armen und wollte seine Mannschaft nochmal nach vorn treiben, aber Schiri Kienhöfer pfiff die Partie danach nicht mehr an.

Hoffenheim war damit zum ersten Mal in seiner Erstliga-Geschichte in eine Saison mit fünf Spielen ohne Niederlage gestartet. Ein beinahe weinerlicher Trainer Streich beklagte danach auf der Pressekonferenz sein Schicksal, während Markus Gisdol das Geschehen wie immer klug und besonnen analysierte und sich über den Punktgewinn in letzter Minute halb zufrieden, halb unzufrieden zeigte – seine Mannschaft hätte das Spiel schließlich gewinnen können, auch ohne Spektakel, wenn sie Freiburg in der ersten Halbzeit nicht zu zwei Toren höflich eingeladen hätte.

Fotografie Uwe Grün, Kraichgaufoto

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Alexander H. Gusovius

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