„Dreckiger“ Sieg?

Speziell in der letzten Saison, eigentlich seit Jahren, denkt man als Hoffenheimer, die TSG könnte zur Abwechslung auch mal einen „dreckigen“ Sieg einfahren. Also ein Spiel eher unverdient gewinnen, sozusagen mit Baden-Dusel, bei minimalistischem Aufwand – statt wie Prinz Eisenherz dauernd mutig nach vorn zu gehen und am Ende dafür, wie oft geschehen, mit Punkteteilung oder Niederlage abgestraft zu werden. In Stuttgart sah es ein bisschen danach aus, als wäre der Wunsch endlich wahr geworden.

Aber gibt der Spielverlauf das wirklich her? Der VfB legte sich anfangs mächtig ins Zeug, wirbelte eine Viertelstunde lang übers Spielfeld und setzte die TSG sogar hier und da unter Druck. Nach dem missglückten Saisonstart der Schwaben war auch mit nichts anderem zu rechnen. Der VfB musste versuchen, sich in einen Rausch zu spielen, um die lähmende Negativserie aus den Köpfen zu bekommen.

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Der Plan der TSG musste dagegen sein, die Stuttgarter Anfangsoffensive ins Leere laufen zu lassen und am besten mit einem Tor zu beantworten. Das würde den schwäbischen Fußball-Patienten, der von seiner baldigen Genesung noch nicht wirklich überzeugt sein konnte, in ein klassisches Rückfall-Szenario verwickeln, bei dem die mühsam geweckten, aber noch nicht tragfähigen Kräfte alsbald verschlissen wären. Die durchweg sehr tief stehenden Reihen der TSG bewiesen, dass Trainer Gisdols taktische Pläne in genau diese Richtung gingen.

Aber er musste seine Hoffenheimer Mannschaft auch vielfältig umbauen, neben Bicakcic fehlten Sali, Kim, Volland und Szalai, wobei letztere beiden wenigstens auf der Bank saßen. So kam es, dass Löws Idee, Rudy hinten rechts einzusetzen, früher als gedacht Vereinsrealität wurde, während Strobl in die Innenverteidigung ging. Schwegler wiederum wurde auf die Sechs, Zuber in die Offensive geordert. Und so ein von hinten bis vorn umgekrempeltes Team lässt man ohnehin besser erstmal defensiv an Sicherheit gewinnen.

Hinzu kam, dass Markus Gisdol in Stuttgart auf gar keinen Fall erneut unter die Räder kommen wollte, so wie im Vorjahr, als der VfB mit 6:2 siegte. Auch dieses kleine Trauma ließ es ratsam erscheinen, dem VfB aus gesicherter Abwehr zu begegnen anstatt zu versuchen, ihn zu überrennen, um nicht selber zum Rückfall-Patienten zu werden. Bei zwei TSG-Toren wie im Vorjahr blieb es zwar, aber die sechs Stuttgarter Gegentreffer fielen diesmal sämtlich aus.

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Lange Rede, kurzer Sinn: Hoffenheims defensives Auftreten in Stuttgart entsprang einem glasklaren taktischen Grundgedanken, der auch noch rundum aufging. Geradezu perfekt getimt war das 1:0 durch Modeste exakt nach einer Viertelstunde, als zu spüren war, dass der VfB angesichts der vergeblichen eigenen Angriffe etwas ratlos zu werden begann. Schon zum dritten Mal in dieser Saison gab Rudy dafür die perfekte Vorlage aus dem Halbfeld, so wie im Länderspiel auf Müller und in Bremen auf Firmino.

Danach war die Stuttgarter Erschütterung mit Händen zu greifen. Bis zur Halbzeit erholte sich der VfB nicht vom erlittenen Schock, während Hoffenheim der Versuchung widerstand, den angeschlagenen Gegner ausknocken zu wollen, und defensiv stabil ausgerichtet blieb. Nach der Halbzeit war davon auszugehen, dass Stuttgart alles daran setzen würde, zum Ausgleich zu kommen. Doch Hoffenheim zeigte keinerlei Blöße und fing alles ab, was der VfB Richtung Tor brachte, wobei Strobl neben Süle eine gute Figur machte, parallel zur ganzen Mannschaft. Der VfB agierte daraufhin immer planloser, probierte es mit aussichtsarmen Fernschüssen und stand zunehmend auch unter dem Eindruck seiner missmutigen Fans.

Wenn etwas den glanzvollen Plan von Markus Gisdol leicht trübte, dann eine gewisse Blutleere seiner Mannschaft bei Konterchancen, die sich angesichts der Stuttgarter Bemühungen um offensiven Erfolg natürlich eröffneten. Es ist schon eigenartig, die letztjährige wilde Kontertruppe anfangs dieser Saison immer wieder mal fast wie gelähmt quer spielen oder gar Fehlpässe spielen zu sehen, anstatt bei Konterchancen ebenso überfallartig wie unwiderstehlich nach vorn zu preschen und reihenweise Tore zu schießen. Andererseits fängt sich die TSG auch nicht mehr so viele Tore ein – was unterm Strich ja viel besser ist.

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Die Umorientierung der Mannschaft auf variable defensive und offensive Spielweisen hat also Erfolg. Weniger Spektakel, mehr Punkte lautet die Devise anfangs dieser Saison, mit dem Ergebnis kann man wahrlich leben. Zudem hat Elyounoussi gegen Ende der Partie bewiesen, dass die Konterpotentiale der TSG keinesfalls erschöpft sind. Vor ihm scheiterten im Fünf-Minuten-Takt noch der eingewechselte Volland und er selbst aussichtsreich, wobei ein klarer Strafstoß verweigert wurde, dann fiel endlich das erlösende 0:2.

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Ein dreckiger Sieg war es dennoch nicht, dafür war die taktische Marschrichtung zu klar erkennbar und beherrschte Hoffenheim den Gegner viel zu souverän. Und der Blick auf die Tabelle wird davon noch schöner. Auch wenn erst nach den Spielen morgen Abend gegen Freiburg und Freitagabend in Mainz klar sein wird, wer sich von den ersten dreien namens Paderborn, Mainz und Hoffenheim vorerst wirklich vorn festsetzen kann.

Fotografie Uwe Grün, Kraichgaufoto

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Alexander H. Gusovius

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