Der mit den Wölfen tanzte…

In der 85. Minute lag Ermin Bicakcic für einen Moment quer in der Luft, mit dem gestreckten linken Bein schlug er den Ball aus der Gefahrenzone. Sein sensationeller Klärungsversuch war jedoch leider auch der Auslöser dafür, dass Olic fünf Minuten später den Ausgleichstreffer für Wolfsburg erzielen konnte. Denn bei diesem artistischen Kunstflug zog sich Bicakcic einen Muskelfaserriss zu.

Ab der 60. Minute hatte sich Bicakcic immer wieder an den Oberschenkel gegriffen und versucht, durch wiederholtes Dehnen und Strecken bis zum Ende der Partie durchzuhalten. Wenn ihm das gelungen wäre, hätte Hoffenheim das 1:0 wohl über die Runden gebracht. Als Bicakcic zuletzt aber nur noch mühsam humpeln konnte, war die ziemlich sattelfeste TSG-Abwehr um ihren defensiven Chef-Strategen gebracht – und fand Wolfsburg die Lücke, die es brauchte, um zum Ausgleich zu kommen.

Modeste

Zu diesem Zeitpunkt war Bicakcic schon nach vorn gegangen mit dem Auftrag, hinkend wenigstens den letzten Wolfsburger zu binden, damit es zu keiner Überzahl der massiv auf den Ausgleich drängenden Wölfe in der Nähe des Hoffenheimer Strafraums käme. Das Auswechselkontingent war zu diesem Zeitpunkt leider erschöpft, Polanski hatte Bicakcics Position in der Innenverteidigung, Szalai die verwaiste Sechser-Position eingenommen.

Das Ganze war eine Verkettung unglücklicher Umstände. Erst musste Salihovic wegen einer tiefen Fleischwunde am Knie nach der ersten Halbzeit durch Elyounoussi ersetzt werden – was dem Spiel gar nicht mal schlecht bekam. Bald darauf fiel auch das 1:0 durch Modeste. Doch nachdem Volland für Modeste gekommen war und kurz darauf Bicakcic und Rudy signalisierten, dass sie ausgewechselt werden müssten, nahm der Trainer Rudy vom Feld. Wie sich herausstellen sollte, war es die falsche Entscheidung. Aber woher hätte Markus Gisdol das wissen sollen?

Denn ohne seine Kunstflugeinlage hätte Bicakcic die Wölfe vermutlich bis zum Ende ausgetanzt. So aber stand er am Mittelkreis, weil er defensiv nichts mehr ausrichten konnte, und irritierte nicht nur den Gegner, sondern auch die Mannschaftskollegen, die ihn da vorn immer noch anzuspielen versuchten – was zu noch schnelleren Ballverlusten führte. Einer davon leitete das 1:1 ein… Als Wolfsburg gleich danach durch eine gelb-rote Karte nur noch zu zehnt war, durfte auch Bicakcic endlich vom Feld.

normal_ug167_5944_130914

Man kann nur hoffen, dass „Eisen-Ermin“ nicht zu lang ausfällt. Bicakcic, Torhüter Baumann und Süle bilden das defensive Nervenzentrum der TSG, dessen bemerkenswerte Stabilität beim Spiel gegen Wolfsburg den bisherigen Gipfelpunkt erreicht hat. Jeweils bis etwa zur Mitte der Halbzeiten bestimmte Hoffenheim die Partie offensiv, nahm aber irgendwann den Fuß etwas vom Gas, um nicht wie gegen Bremen zu früh zu viel Kraft zu lassen, und konnte sich der Wolfsburger Gegenangriffe trotzdem gut erwehren.

Dabei war der Gegner nicht irgendwer, die Wölfe zählen zu den „big five“ der Liga. Markus Gisdol zeigte sich denn auch nicht wirklich unglücklich über das Wolfsburger Last-minute-Tor. Seine Mannschaft hatte sich in diesem dritten Spiel der neuen Saison noch einmal deutlich steigern und stabilisieren können, was für die Zukunft wichtiger ist als dieses Remis, das imgrunde auch kein ungerechtes Ergebnis war. Die Spielanteile und Torchancen lagen in dieser technisch hochwertigen Partie gut verteilt.

Baumann

In den kommenden drei Spielen innerhalb von acht Tagen wird die Liga ihr wahres Gesicht zeigen. Mit knappem Vorsprung führen Leverkusen, die Bayern und Dortmund jetzt schon die Tabelle an, sind aber noch nicht unter sich. Hannover und Paderborn, die bislang überraschend oben mitmischen, werden nach der englischen Woche mutmaßlich in der Tabellenmitte anzutreffen sein. Andere werden aufholen, besonders Wolfsburg, vielleicht Augsburg, vielleicht auch Schalke.

Für Hoffenheim besteht die Chance, sich am Samstag in Stuttgart, dann am Dienstag gegen Freiburg und zuletzt freitagabends in Mainz ein beruhigendes Polster zuzulegen und den Anstand zum oberen Mittelfeld nicht zu groß werden zu lassen. Man kann sehen, dass die Mannschaft in der Tiefe und Breite substantieller aufgestellt ist, dass sie an taktischen und technischen Fertigkeiten zugelegt hat.
Volland

Es mag sein, dass Bicakcics Fehlen spürbare Folgen hat – umgekehrt war im Spiel gegen Wolfsburg aber auch spürbar, wie positiv sich ein auskurierter Kevin Volland auf die Offensive auswirken wird. Sein blindes Verständnis mit Firmino sollte den Angriffen der TSG mehr Durchschlagskraft verleihen – am besten schon gegen den VfB, der Hoffenheim nicht noch einmal regelrecht überrollen darf wie vor einem Jahr, als die Stuttgarter nach der Ersetzung von Labbadia durch Schneider zu einem kurzen Höhenflug ansetzten.

 

Fotografie Uwe Grün, Kraichgaufoto

 

Deine Meinung zum Artikel: