Rätselhafte Partie in Bremen

Der Tenor nach dem Spiel in Bremen lautete, dass nach zwei sehr gegensätzlichen Halbzeiten das Unentschieden am Ende genau passen würde. Das ist sicher richtig – im Thema Passgenauigkeit liegt auch der Schlüssel zum Spiel. Denn darin findet man die Antwort auf die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass die TSG ein sicher kontrolliertes Spiel noch aus der Hand gab.

Schon beim Heimspiel gegen Augsburg fiel auf, dass etliche Hoffenheimer Pässe ins Leere liefen. Das war bei der Enge im Mittelfeld auch kein Wunder, wo es kaum einen Ballkontakt gab, ohne dass zwei bis drei Augsburger den Hoffenheimern fast auf den Füßen standen. Durch den Doppelschlag von zwei Toren kaufte die TSG den Gästen zwar den Schneid ab, konnte später aber wegen der unangenehmen Augsburger Deckung immer noch nur selten konstruktiv kombinieren.

In Bremen drehte die TSG den Spieß um und attackierte in der ersten Halbzeit bei Bremer Ballbesitz derart konsequent und laufintensiv, dass die Gastgeber keinen Spielzug vernünftig planen und durchführen konnten. In der zweiten Halbzeit – sagte Trainer Dutt in der Pressekonferenz nach dem Spiel – stellte Bremen um und hatte dann einen Mann mehr im Mittelfeld. Davon wurden die Räume derart eng, dass die ohnehin schon bemerkbare Passungenauigkeit der TSG noch einmal zunahm, vor allem da, wo es wehtat.

Zu Beginn der zweiten Halbzeit sah es noch so aus, als könnte die TSG das Spiel weiter kontrollieren und davon profitieren, dass Werder gezwungen war, mehr Risiko nach vorn einzugehen. Süle köpfte bei einer Ecke knapp neben das Tor, während Werder immer noch nach Mittel und Wegen suchte, den wunderschönen Hoffenheimer Führungstreffer aus der 19. Minute auszugleichen – als Firmino von Rudy aus dem Mittelfeld mit einem fast magischen halbhohen Pass über die gesamte Bremer Abwehr hinweg halblinks angespielt wurde und den Ball in der Luft brillant an Torhüter Wolf vorbeispitzelte und dann ins leere Tor beförderte.

Ab der 50. Minute aber drehte sich die Partie schlagartig, Bremen baute immer mehr Druck auf, Hoffenheim lief dem Geschehen zunehmend hinterher. Es dauerte nicht lang, bis in der 59. Minute der Ausgleichstreffer fiel. Danach wurde es hektisch. Das Spiel der TSG war jetzt fast nur noch nach hinten gerichtet, Werder kam alle paar Minuten zu Großchancen. Dass keine davon mehr den Weg ins Tor fand, war Torhüter Baumann und dem Pfosten zu danken, aber auch der Gesamtdefensivleistung der Mannschaft, die trotz aller sichtbaren Hektik nicht wie in der Vorsaison einbrach, sondern weiter an sich glaubte.

Wie konnte es dazu kommen? Trainer Markus Gisdol sagte nach dem Spiel, er kenne die exakten Ursachen noch nicht, aber es könne sein, dass ein paar Kleinigkeiten Werder dahin gebracht haben könnten, zurück ins Spiel zu finden. Genau so war es. Im enger gestellten Bremer Mittelfeld versuchte die TSG zwischen der 50. und 60. Minute mit dem gleichen schnellen Ballerobern und Umschaltspiel, das in der ersten Halbzeit trotz einiger Fehlpässe die Bremer überfordert hatte, das zweite Tor zu erzielen. Dabei ergaben sich zwei-, dreimal kurz hintereinander Situationen, in denen Rudy, dessen Traumpass noch zum Tor geführt hatte, mit Fehlpässen in der Mitte vor dem Bremer Strafraum dafür sorgte, dass die Gastgeber mit blitzartigen Gegenangriffen vors Tor der TSG kommen konnten.

Durch diese ersten richtig gefährlichen Tempovorstöße baute Werder so viel innere und äußere Dominanz auf, dass Hoffenheim keinen echten Zugriff mehr aufs Spiel bekam. Trainer Dutt hatte mit seiner Verengung des Mittelfelds alles richtig gemacht, Hoffenheim hatte sich in der ersten Halbzeit müde gelaufen, die auch daraus resultierenden, brisanteren Ungenauigkeiten der TSG im Pass-Spiel wurden bestraft.

Anscheinend gab es noch einen weiteren Grund für das Kippen der Partie, den man nicht nur bei der TSG, sondern auch bei einigen anderen Mannschaften beobachten kann: die WM. Anders als zu Beginn der letzten Saison, wo man viele ungemein schnell und aggressiv geführte Spiele erleben konnte, wirken die Bundesliga-Akteure diesmal oft matt und ausgelaugt. Wie kann das sein nach einer viel längeren Trainingsvorbereitung wegen der Weltmeisterschaft? Es sind ja nur wenige Spieler, zumeist von Bayern München, die denkbar wenig Zeit zur Erholung hatten. Offenbar steckt vielen Spielern aber genau diese längere Vorbereitungsphase jetzt in den Knochen. Nur Leverkusen spielt, als hätten die Profis Flügel statt Beine. Doch Dortmund, Bayern, Wolfsburg, Hannover, Schalke, Hamburg, Mainz, Gladbach – alle machen sie einen müden Eindruck, fast wie gegen Ende einer Saison.

Dabei wird es allerdings kaum bleiben. Das harte Training über lange Wochen wird sich noch auszahlen, Leverkusen wird einen langen Lauf brauchen, um oben zu bleiben. Andere werden aufholen, und mit leichteren Beinen wird vermutlich auch die Hoffenheimer Passquote besser werden. Ein gutes Beispiel dafür, wie so etwas ablaufen kann, bot Wolfsburg in der Saison 2008/2009, von Felix Magath extrem hart vorbereitet. Da wirkten die Wolfsburger in der Hinrunde etwas zäh und gelangten nur auf Platz 8, aber in der Rückrunde überliefen sie alle anderen Mannschaften und wurden sogar Meister.

Deine Meinung zum Artikel:
Alexander H. Gusovius