In der Ruhe liegt die Kraft

So ein Bundesligastart ist nervenaufreibend, für die Spieler, für die Betreuer und Verantwortlichen, für die Fans. Einerseits die Freude, dass es wieder losgeht, andererseits die drückende Frage, wohin die Reise nun geht… In solchen Situationen leisten Ruhe und Abgeklärtheit hervorragende Dienste.

Dass ausgerechnet Hoffenheim hier Akzente setzen würde, hätte vor zwei Jahren niemand gedacht. In der letzten Saison mit jeder Menge an Toren vorne und hinten, aber auch in den Spielzeiten davor, war es um Hoffenheims Nervenkostüm nicht zum Besten gestellt. Das hat sich offenbar grundlegend geändert. Der Auftritt der TSG gegen Augsburg war jedenfalls von deutlich weniger Spektakel, dafür von umso mehr Substanz geprägt.

Dem griffigen neuen Markenclaim der TSG „Ein Team – ein Weg – einmalig“ tat das keinen Abbruch. Denn in Sinsheim erlebt man weiterhin besondere Momente. Erst die riesige Fan-Choreographie mit dem sonnenbebrillten, die Faust ballenden, schwebenden Mega-Fan vor der Südkurve, in ein Meer blau-weißer Fähnchen getaucht. Dann die Spielweise der TSG, dazu der Dauersound der Fan-Anfeuerungen… Souverän kontrollierte Hoffenheim die Partie, von den Fans konsequent begleitet. In der Summe führte das zu ungewohnt niedriger Herzfrequenz beim Zuschauen, ohne dass es an aufregenden Szenen fehlte, aber es führte eben auch zu einem wohltuenden Gefühl von Sicherheit.

normal_ug049_2146_230814

Eigentlich hatte man nie den Eindruck, dass die TSG das Spiel verlieren könnte. Dass sie es gewinnen würde, war natürlich anfangs unklar, aber imgrunde nicht die Frage – und innerhalb von zwei Minuten entschieden. Zunächst nutzte Szalai, der mit viel Spielübersicht glänzte, in der 33. Minute das Getümmel im Strafraum von Augsburg und feuerte den Ball aus kurzer Distanz in die Maschen. Dann blockte die Mannschaft nach dem Wiederanpfiff den zögerlichen Augsburger Angriff und eroberte den Ball schnell zurück – und noch schneller ging es via Firmino über links nach vorn, der mit dem Außenrist genau im richtigen Augenblick in die Mitte abgab, von wo aus Elyounoussi in der 34. Minute locker das 2:0 erzielen konnte.

Der Schreck über den Doppelschlag saß bei den Augsburgern tief. Eine halbe Stunde lang hatte es so ausgesehen, als könnten sie, indem sie den Angreifern der TSG durch extreme Laufarbeit nahezu auf den Füßen standen, den gefürchteten Offensivwirbel ausbremsen. Ein paar Mal war Augsburg dem Hoffenheimer Gehäuse sogar einigermaßen nahe gekommen, wenn auch ohne Aussicht auf Zählbares. Die Gäste glaubten dennoch, sie hätten die Partie im Griff. Und dann erwies sich, ehe man es sich versah, die vermeintliche Spielkontrolle als geschickte Hoffenheimer Selbstbeherrschung. Im richtigen Moment abgelegt, führte sie zu zwei demoralisierenden Toren.

normal_ug086_1298_230814

In der letzten Saison hat die TSG nach so einem Zweitorevorsprung oftmals die Konzentration verloren bzw. unkontrolliert nach vorn gespielt, um noch mehr Tore zu schießen und noch mehr Spaß zu haben – und ist vor allem defensiv so unaufmerksam geworden, dass der Gegner leichtes Spiel hatte, wieder heranzukommen. Anders diesmal: Hoffenheim nahm etwas den Fuß vom Gas und versuchte den Vorsprung abzusichern, indem die Grundaufstellung von 4-2-3-1 variabel zu 4-4-2 verändert wurde. Tatsächlich konnte die Führung unbedrängt in die Pause gebracht werden.

An diesem Bild änderte sich auch nach der Halbzeitpause nichts: Hoffenheim und nicht Augsburg kontrollierte das Spiel. Und über die gesamte torlose zweite Hälfte hinweg sah es nie so aus, als könnten die Fuggerstädter das Spiel noch drehen. Umgekehrt kam es zwar auch nur selten zu Hoffenheimer Kontern, aber die Verzweiflung über ausgelassene Konterchancen hielt sich bei den Fans in Grenzen, weil es eben vor dem Tor der TSG so gut wie nie lichterloh brannte.

Wenn die Zeichen nicht trügen, agiert die TSG in dieser neuen Saison also nicht mehr wie eine junge, unbedachte Hundemeute, sondern wie eine erwachsene, abgeklärte Mannschaft. Die behutsame Verstärkung durch erfahrenere Kräfte wie Szalai und Bicakcic und Baumann im Tor trägt offenbar Früchte. Die gesamte Spielweise wirkt wie ein Spiegelbild der ausgeglichenen Persönlichkeit von Markus Gisdol. Das ist ungewohnt, daran muss man sich erst gewöhnen – aber daran könnte man sich auch gewöhnen!

Tarik Elyounoussi

Einer, der in diesem Spiel besonders auffiel und es ins Zitat der Woche geschafft hat, ist Elyounoussi. Er ist zum Dauerwirbler mit besonderen technischen Fertigkeiten geworden, der auch gefährlich aufs Tor schießt. Äußerungen von Trainer Gisdol zufolge hat er es geschafft, sich an die laufintensive Spielweise der TSG heranzuarbeiten – und die Stimmen mehren sich, die ihm einiges an Zukunft zutrauen. Er wäre nicht der erste besondere Spieler, der ein Jahr Eingewöhnungszeit gebraucht hat, bis er „zündet“, wie etwa Lewandowski, der ehemalige Dortmunder.

Oliver Baumann

Wer ebenfalls auffiel, wenn man genau hinschaute, war Baumann. Viel hatte er ja nicht zu tun, zum Glück. Wenn er jedoch gefordert war, war er zurstelle, einmal mit einer Glanztat. Über den langen Rest der Zeit sah man ihn allerdings permanent dirigieren und organisieren – und man ahnt, auch durch sein Stellungsspiel, wieviel Spielverständnis und Spielintelligenz er in sich trägt. Mit ihm hat die TSG eine Art elften Feldspieler auf dem Rasen, der zudem derart souveräne Ruhe ausstrahlt, dass sie sich wie ein Dämpfer auf die Offensivbemühungen des Gegners auswirkt.

Jetzt darf man wirklich gespannt sein, wie das nächste Spiel in Bremen ausgeht – oder wie es sich im Spielverlauf darstellt. Bleibt es bei der Abwesenheit hektischen Angreifens und Verteidigens? Bleibt es bei der souveränen Dosierung der überfallartigen Angriffe? Bleibt es bei der substantiellen Varianz im Spiel und beim ruhigen Kontrollieren des Gegners?

Fotografie Uwe Grün, Kraichgaufoto

Deine Meinung zum Artikel:
Alexander H. Gusovius